Einerseits stehe ich normalerweise lieber hinter der Kamera und folglich gibt es auch nur sehr wenige Portraitaufnahmen von mir. Andererseits leben wir in einer Zeit der Bilderflut und da sind es gerade die Selbstportraits – „Selfies“ genannt – welche mehr und mehr die Runde machen. Wenn ich mir aber Selfies anschaue, dann ist denen fast immer gemeinsam, das da Gesichter von Personen im Vordergrund stehen und dass besagte Personen eine eher unnatürliche Pose einnehmen – sei es durch den das Smartphone haltenden Arm oder durch das Halten des Selfie-Sticks, der nicht ganz zu unrecht auch als „Narzisstenkrücke“ bezeichnet wird. Anders ausgedrückt: Ich kann derartigen Selfies im Regelfall nicht das Mindeste abgewinnen!

Aber kann man Selfies denn überhaupt kreativer gestalten? Ja, das geht! Manche Menschen übertreiben es dabei allerdings und bringen sich mit ihrer Selbstdarstellung in Gefahrensituationen. Wie eine im „Journal of Family Medicine and Primary Care“ erschienene Studie aus dem Jahr 2018 zeigt hinterlassen diese Anwärter auf den Darwin-Award immerhin noch einigermaßen brauchbare Abschiedsfotos (sorry – das war jetzt zwar Sarkasmus in Reinkultur, musste an dieser Stelle aber sein). Unglücks- und Todesfälle durch Selfies haben inzwischen derartige Ausmaße angenommen, dass an Touristen-Hot-Spots immer häufiger sichere Selfie-Standorte ausgewiesen werden oder No-Selfie-Zonen auf die bestehende Gefahren hinweisen. Um Selfies bis zum traurigen Ende soll es hier auch nicht gehen.

Es existieren nämlich sehr viel ungefährlichere Möglichkeiten, um Selfies kreativer zu gestalten. Was bedeutet überhaupt kreativer? Das Bild muss eine ungewöhnliche Perspektive aufweisen: Perspektive ist alles! Die macht das Bild erst interessant und wenn dabei ein „Wow!“-Moment oder ein Lacher herauskommt, dann ist das Ziel erreicht – die Kamera ist und bleibt nur ein Werkzeug. Das Standardwerkzeug für Selfies ist das Smartphone. Bereits die mitgelieferten Standard-Foto-Apps gestatten die Fotografie mittels zeitgesteuertem Selbstauslöser. Man justiert den also auf zehn Sekunden, löst aus, stellt das Handy an den Zielort und macht so das Selfie. Der Fotograf Benjamin Jaworskyj hat dazu auf Facebook ein Kurzvideo veröffentlicht, in dem Selfies aus einem Kühlschrank heraus aufgenommen wurden. Die Idee ist so bescheuert, dass sie schon wieder saugut ist und es sieht wirklich interessant aus.

Noch interessanter wird es allerdings, wenn man sich einmal an die Kameraführungen bei einigen der uralten Edgar-Wallace-Filme erinnert: Da erfolgten Aufnahmen durch ein Gebiss, durch eine Telefonwählscheibe usw. hindurch. Allen diesen Aufnahmen ist eines gemeinsam: Sie wurden von Orten aus angefertigt, die viel zu klein sind, als dass ein Mensch hinter der Kamera stehen könnte. Wenn man dieses Prinzip auf Selfies überträgt – aus dem Kühlschrank heraus, aus einem Regal heraus aufgenommen usw. – dann wirken die Bilder plötzlich gänzlich anders und sehr viel interessanter!


… aus dem Kühlschrank heraus …

… aus dem Küchenschrank heraus …

… aus dem Vorratsregal heraus …

… aus dem Holz-Kohle-Herd heraus …