„Sind beim Schaf die Locken braun,
liegt es am Elektrozaun.“
(Alte Bauernregel)

Norddeutschland, Perle des Nordens – das ist da, wo wässriger Modder in modderiges Wasser über geht. Da, wo der eindeutige Ruf der Motorsägen vom Ende des Winters und vom nahenden Frühjahr kündet. Städte existieren nur wenige und eigentlich immer nur da, wo sich zwei Autobahnen kreuzen – wahrscheinlich, weil da von den Autofahrern am meisten aus den Fenstern geschmissen wird, was die Nahrungsbeschaffung der Bevölkerung doch enorm vereinfacht. Die überwiegende Mehrheit der Menschen lebt nämlich auf dem Land. Betrachten wir also einmal das norddeutsche Landleben etwas näher.

Wenn morgens um 06:00 Uhr der Lanz Bulldog mit seinem unverwechselbaren Motorengeräusch „KULT-KULT-KULT-KULT-KULT“ lautstark über die Straße röhrt braucht man keinen Wecker mehr weil alle ohnehin kerzengerade in den Betten sitzen. Nur die Bessergestellten verwenden stattdessen einen Porsche Junior 108V um zu zeigen was man hat. Man kennt und lebt hier noch alte Traditionen, wie bspw. die Bildung einer Rettungsgasse. Die ist immer dann erforderlich, wenn auf den schmalen Schlaglochpisten ein Trecker durchgelassen werden muss, damit er den SUV eines Städters – der seine Karre versehentlich mit einem Geländefahrzeug verwechselt hat – aus dem allgegenwärtigen Matsch ziehen kann.

Die Diskussionskultur auf dem Land ist aufgrund von schlagenden Argumenten – bspw. Axt, Hammer, Fäuste – einmalig. Nach dem regen Austausch der Argumente versammeln sich die Überlebenden im Anschluss bei Bier und Köm und finden eine einvernehmliche Lösung. Notfalls setzt sich derjenige durch, der am längsten stehen bleiben kann. Diskussionsthemen finden sich immer. Die reichen von den reichlich vorhandenen Rohstoffen – dem „Braunen Gold“ – über den ÖPNV bis hin zum Umgang mit dem Viehzeug oder zur Gartenarbeit. Gartenarbeit ist, wenn man sich mit einem Hocker und einem Gewehr bei schönem Wetter in den Garten setzt und Ratten schießt. Der Schuss auf dem angrenzenden Grundstück besagt lediglich, das der Nachbar wie üblich die Reiher von seinem Teich vertreibt und wenn nachts mal ein Schuss fällt, dann ist das noch längst kein Grund, um die Polizei zu rufen. Da verteidigt sich nur einer gegen die nervigen Wildschweine, die hin und wieder den Ort besuchen und die man mittlerweile bereits allesamt mit Namen kennt.

Überhaupt lebt man sehr naturnah: Was ist denn das Braune da vorne auf der Straße? Aha, Wildschafe, sprich Mufflons. Mal langsamer fahren. Langsam geben die dann auch die Straße frei. Das unterscheidet sie von ausgebrochenen Ziegenherden: Ziegen bleiben wo sie sind. Die verhalten sich wie Katzen. Vor dem Aussteigen auf dem Aussiedlerhof darf natürlich der prüfende Blick in die Runde nicht fehlen, denn wenn da Rehe auf dem Feld stehen dann sind die Wölfe wahrscheinlich woanders und es besteht keine Gefahr. Allerdings verspüren Schröders ganz spezielle Rindviecher hin und wieder auch mal den Drang nach Freiheit und dann lungert da plötzlich so ein nordamerikanischer Bison auf der Straße rum. Beim Fahren sollte man außerdem auf Rotwild aufpassen, weil das schnell in Panik gerät, sobald die Luchse es aufschrecken.

Da man ohne fahrbaren Untersatz absolut aufgeschmissen ist – selbst die Beschaffung eines schnöden Paares neuer Schnürsenkel setzt eine Reise in die nächstgelegene Stadt voraus und gar nicht mal so selten gerät das dann zum Tagesausflug – ist man für jedes ÖPNV-Angebot überaus dankbar. Die Bushaltestelle ist auch total zentral gelegen: Nur noch über drei von Bullen vereinnahmte Felder laufen und über fünf Stacheldrahtzäune klettern – die paar Wassergräben dazwischen zählen nicht – und schon ist man am Ziel. Der fortgeschrittene Ökonom nutzt dabei nach Möglichkeit verbilligte ÖPNV-Tickets. Einerseits sind die echt super. Andererseits allerdings erfordern sie aber auch eine gewisse logistische Meisterleistung – vor allem dann, wenn der Bus nur an jedem zweiten Donnerstag bei Vollmond fährt (unter der Voraussetzung, dass gerade Westwind ist). Während man dann auf den turnusmäßig verspäteten Bus wartet genießt man die einmalige Landluft. Übrigens: Das braune Gold nennt sich Gülle und es weist einen ganz charakteristischen, unverwechselbaren Duft auf.

Sollte die Polizei einmal zu aufdringlich werden – vom Dorfsheriff ist normalerweise zwar nichts zu befürchten, aber manchmal werden junge Städter sozusagen zu Ausbildungszwecken auf’s Land geschickt und verteilen ganz unverschämt plötzlich Tickets wegen Falschparkens und so – dann beschäftigt man sie eben: Man nimmt drei Schweine, malt gut sichtbar die Ziffern „1“, „2“ und „4“ drauf und lässt die Tiere frei laufen. Nachdem sie eingefangen worden sind amüsiert man sich, weil die Fahndung nach Nummer „3“ immer noch läuft. So lange gefahndet wird (und somit der „Freund und Helfer“ beschäftigt ist) lichtet der mit einer guten Eisensäge ausgestattete Landbewohner im Rahmen rustikaler Selbsthilfe den überflüssigen Schilderwald aus, denn deren Pfosten eignen sich hervorragend als Wäschestangen und so manches Halteverbotsschild hat schon seine endgültige Bestimmung als Plumpsklo-Deckel in irgendeinem Gartenhäuschen gefunden.

Ist man auf dem Land mit dem Auto unterwegs, dann gehört eine Rolle stabiler, schwarzer Müllsäcke genauso mit an Bord wie der Verbandskasten. Während man den Letztgenannten eher selten benötigt ist die Müllbeutelrolle im Dauereinsatz – einerseits, um die lästigen und überall absolut verschwenderisch aufgestellten 1,5t- oder Halteverbots-Schilder abzudecken und andererseits bei der Hasenjagd, denn bei Hasen wird Gas gegeben anstatt gebremst. Ein Hase ist nämlich binnen einer halben Stunde ausgeschlachtet, das Tularämie-Risiko eher klein (etwas Risiko gehört nun einmal mit zum Leben) und als Braten schmeckt er sehr gut. Mit Wilderei hat das natürlich nichts zu tun – der hätte ja nicht da lang laufen müssen – und wenn einem von dritter Seite ein Stück Wild angeboten wird, dann ist es wirklich sehr, sehr unanständig und unhöflich nach dessen Herkunft zu fragen.

Recht und Gesetz gelten auf dem Land zwar auch, werden aber i. d. R. etwas anders als in den Städten interpretiert. D. h. man betrachtet das eher so als grobe Richtlinie. Das Sagen haben normalerweise Seilschaften-Verbände von einigen Wohlhabenden in enger Zusammenarbeit mit eingen wenigen, handverlesenen Kommunalpolitikern. Im Volksmund wird das auch „Dorfmafia“ genannt. Das, was die beschließen, wird den Untertanen öffentlich zur Kenntnis gegeben – normalerweise in einer Tageszeitung auf Seite 17 ganz unten links als Dreizeiler unter euphemistisch verbrämter Überschrift. Wer damit nicht einverstanden ist, kann sich ja persönlich an die Verantwortlichen wenden. Manchmal geschieht das. Nur dann, wenn es sehr persönlich ist, werden Beschlüsse revidiert. So funktioniert Demokratie auf dem Land! „Leben und leben lassen“ lautet die Devise, auch wenn das mit dem „leben lassen“ bei manchen Personen mitunter (sehr) schwer fällt … 😉