Ein ungewollter Bekannter – ungewollt weil er meiner Meinung nach der lebende Beweis für den Dunning-Krueger-Effekt ist – sagte mir mal: „Kauf‘ dir ’ne anständige Kamera und dann sind alle Bilder gut – da brauchst du keine Bildbearbeitung!“ Seiner Meinung nach ist das Kameragehäuse wichtiger als das Objektiv und Fotografie beschränkt sich auf das Drücken des Auslösers. Er meint, dass die Kamera die Fotos macht. Ich meine, dass diese Einstellung grundfalsch ist! Die Kamera ist nur ein Werkzeug. Das Foto dagegen macht der Fotograf. Der selbstverständlich gut beraten ist, wenn er das Werkzeug aus dem FF beherrscht. Aber was macht ein gutes Foto eigentlich aus? Die technische Perfektion alleine ganz sicher nicht! Denn da gibt’s noch eine ganz andere Sache und die kann einem keine Kamera der Welt abnehmen: Die nennt sich Bildgestaltung.

Die Bildgestaltung ist das, was den Betrachter sagen lässt: „Hat was! Gefällt mir! Schön!“ Wenn die gut ist, dann wird auch schonmal darüber hinweg gesehen, dass eine Aufnahme eben vielleicht doch NICHT so ganz technisch perfekt ausgefallen ist wie sie eigentlich sein sollte (woraus unschwer folgt, dass die Bildgestaltung wichtiger als die Technik ist). Was ist damit gemeint? Das Objektiv der Kamera und das Auge sehen unterschiedlich. Ein Foto kann immer nur einen winzigen Auschnitt aus der wahrgenommenen Wirklichkeit abbilden und unser Gehirn „dichtet das Drum und Dran hinzu“. Das funktioniert umso besser, je treffender das Bild gestaltet ist. Eine gute Bildgestaltung bewirkt dann den „Aha!“- oder „Wow!“-Effekt – und wenn der eintritt finden wir ein Bild gut. Die Bildgestaltung umfasst den Bildausschnitt, imaginäre Linien und Formen, verschiedene Arten von Kontrasten, Bokeh, den Bildaufbau, vor allem die Perspektive u. v. m. Ich will einmal – ohne allzu sehr ins Detail zu gehen – versuchen, anhand einiger Beispielfotos zu zeigen, welche wichtigsten Grundlagen damit gemeint sind.

Bildaufbau: Der goldene Schnitt


Das Motiv (ein Falke) belegt einen der vier Eckpunkte des „Goldenen Schnitts“.

Der „Goldene Schnitt“ bezeichnet ein natürliches Teilungsverhältnis, welches uns in der Biologie (z. B. folgen Blüten, Tannenzapfen u. ä. diesem Teilungsverhältnis) ebenso wie in der Architektur, der Informatik, der Astronomie, der Musik etc. tagtäglich begegnet. Was dem „Goldenen Schnitt“ folgt wird von uns als natürlich empfunden. Fotografiert man (dokumentarische Fotografie vielleicht einmal ausgeklammert) ein Motiv so, das es im „Goldenen Schnitt“ anstatt mittig zu liegen kommt, dann wirkt es natürlicher und daher gefälliger. Eine unschätzbare Hilfe bei der Aufnahme bietet dazu das einblendbare Gittermuster: Jede Ecke des inneren Quadrates entspricht dem „Goldenen Schnitt“. Legt man eine dieser Ecken auf das Motiv, dann ist hinsichtlich des Bildaufbaus schon sehr viel gewonnen. Das ist das, was sich auf die reine Aufnahmetechnik bezieht. Aber: Hat man ein in Bezug auf seine Maße hinreichend großes Foto zur Hand, dann kann man mittels Bildbearbeitung auch noch nachträglich einen Ausschnitt gemäß der Regel des „Goldenen Schnitts“ anfertigen – der dann jedoch selbstverständlich kleiner wird. Es empfiehlt sich daher zwar, bereits während der Aufnahme auf den „Goldenen Schnitt“ zu achten, doch bei hinreichend großen Bildern inklusive Nachbearbeitung ist das nicht zwingend erforderlich.

Perspektive


Für die Spiegelung ist oftmals ein halbwegs mittig liegender und das Bild in zwei Hälften teilender Horizont zu empfehlen, doch ansonsten sollte man den unbedingt vermeiden!

Wenn wir in die Ferne blicken, dann sehen wir irgendwo einen Horizont, der unser Gesichtsfeld waagerecht teilt. Wir schauen also auf die zwei Hälften eines Bildes. Das ist der Normalfall und empfiehlt sich insbesondere bei Spiegelungen, denn dann wandert das Auge des Betrachters vertikal und so wird der Blick an das Bild gefesselt. Hat man hingegen keine Spiegelungen, dann ist der mittig liegende Horizont ein absolutes Tabu, denn es gibt nicht langweiligeres als derartige Bilder: Das Auge will horizontal schweifen, kann es aber nicht, weil das Foto eben nur einen winzigen Auschnitt aus der wahrgenommenen Realität abbildet.


Landschaften wirken besser, wenn der Horizont nicht wie erwartet mittig, sondern im oberen Bilddrittel liegt.

Landschaften wirken besser, wenn der Horizont nicht wie erwartet mittig, sondern im unteren Bilddrittel liegt.

Das vertikale Wandern des Auges bei Landschaftsaufnahmen erreicht man bei der Aufnahme ganz einfach dadurch, dass der Horizont entweder in das obere oder in das untere Bilddrittel gelegt wird (was dann auch schon wieder dem „Goldenen Schnitt“ nahe kommt). Damit fesselt man den Blick des Betrachters auf diesen einen, kleinen Ausschnitt aus der wahrgenommenen Wirklichkeit.


Bei der Froschperspektive erfährt der Vordergrund eine starke Betonung.

Es gibt unter Fotografen nicht umsonst den Spruch: „Perspektive ist alles!“ Ein Foto wirkt immer dann interessant, wenn es eine ungewöhnliche Sichtweise repräsentiert. Ein Mittel dazu ist die Froschperspektive: Man legt die Kamera auf den Boden bzw. plaziert sie in Bodennähe und fotografiert von dort aus, was zu einer starken Vordergrund-Betonung führt (die selbstverständlich bei der Blendenwahl zu beachten ist).


Eine weitere ungewöhnliche Perspektive eröffnet sich wenn man die Kamera einfach mal nach oben hält.

Eine weitere ungewöhnliche Perspektive eröffnet sich wenn man die Kamera einfach mal nach oben hält, denn da der Mensch auf dem Kopf keine Augen hat, ist ihm diese Perspektive nicht geläufig und sorgt für Erstaunen.

Imaginäre Linien und Formen:


Die Wildgänse folgen einer imaginären Linie.

Wir tendieren instinktiv dazu, in allem was wir wahrnehmen, Vertrautes zu erblicken – deswegen erscheinen uns manchmal Wolken oder Felsen wie die Formen von Tieren, die Borke eines Baumes wie ein Gesicht bzw. eine Figur o. ä. Auch auf Fotos ist es daher sinnvoll, diesen Effekt zu nutzen. Am einfachsten funktioniert das mit einer gedachten – imaginären – Linie: Das Auge des Betrachters verweilt dann länger und das Bild bewirkt Interesse.


Konvergierende Linien schneiden sich in einem Fluchtpunkt.

Die Steigerung der imaginären Linie bilden die konvergierenden Linien. Dabei handelt es sich um zwei oder mehr gedachte Linien, welche sich in einem Fluchtpunkt schneiden – wobei der Fluchtpunkt durchaus auch außerhalb des Bildes liegen darf.


Die instinktiv erkannte Form auf diesem Foto ist ein imaginäres Dreieck.

Die instinktiv erkannte Form auf diesem Foto ist eine Art von Trapez.

Anstelle von imaginären Linien erzeugen auch imaginäre Formen wie bspw. Dreiecke, Trapeze, Rechtecke o. ä. erhöhte Aufmerksamkeit. An dieser Stelle vielleicht noch ein kleiner Hinweis: Im Rahmen der Landschaftsfotografie bewirkt die tiefstehende Sonne – also morgens oder abends aufgenommene Bilder – lange Schlagschatten und bringt die Linien und Formen daher besser zur Geltung.

Kontraste:

Kontraste in der Fotografie bezeichnen im weitesten Sinne Unterschiede. Dabei kann sich um Unterschiede zwischen scharf und unscharf, zwischen hell und dunkel und zwischen Farben handeln. Allein bei den Farben differenziert man zwischen sieben unterschiedlichen Arten von Farbkontrasten, von denen ich hier aber nur exemplarisch einige nennen will. Unterschiede im Bild bewirken, dass das Auge geleitet wird – und zwar exakt dorthin, wo etwas gut erkennbar ist. Gut erkennbar bedeutet bspw. hell vor duklem Hintergrund, dunkel vor hellem Hintergrund, scharf vor unscharfem Hintergrund – auch Bokeh genannt -, statische Motive vor einem Hintergrund mit Bewegungsunschärfe u. ä.


Sonnenuntergänge bestechen oftmals durch einen Buntkontrast.

Bei dem Buntkontrast liegt ein Bild vor, welches von mindestens drei Hauptfarben, die im Farbkreis relativ weit auseinander liegen, dominiert wird. Das Ergebnis davon sind Aufnahmen mit auffälliger, hoher Farbbrillianz, wobei die Einzelfarben problemlos auseinander gehalten werden können.


Zwei Beispiele für Komplementärkontraste, nämlich Blau-Gelb und Rot-Grün.

Nimmt man die Farben eines Regenbogens, dann verlaufen die im Idealfall von Rot über Gelb, Grün, Blau nach Violett (obwohl man diese Farben nicht immer alle sehen kann). Nimmt man diesen Farbverlauf und formt daraus einen Kreis (wobei Violett wieder in Rot übergeht), dann erhält man den so genannten Farbkreis. Die Farben, die sich dabei gegenüber stehen, werden als Komplementärfarben bezeichnet. Das sind in der Natur insbesondere Blau und Gelb sowie Rot und Grün. Solche Gegensatzpaare wirken auf das Auge wie ein Magnet.


Motivhervorhebung durch Hell-Dunkel-Kontrast.

Hell-Dunkel-Kontraste eignen sich hervorragend, um Vordergrund-Motive hervor zu heben. Dabei wird der Hintergrund abgedunkelt. Das kann man zwar bereits bei der Aufnahme machen (bspw. mit der Taschenlampen-Funktion eines Smartphones oder manchmal auch durch geschickte Ausnutzung des Sonnenstandes) oder aber nachträglich im Zuge der Bildbearbeitung hinzufügen.


Statische Motive vor einem Hintergrund mit Bewegungsunschärfe erzeugen eine einzigartige Bildstimmung.

Statische Motive vor einem Hintergrund mit Bewegungsunschärfe beinhalten im Falle von Landschaften eine geradezu mystische Stimmung, insbesondere in Verbindung mit „fließend“ abgebildetem Wasser: Die Bildstimmung ist dann einzigartig (Windbewegung beachten!). Das allerdings ist bereits die Domäne der Langzeitbelichtung und ohne Stativ, ND-Filter und Fernauslöser nur schwerlich auf ein Bild zu bannen. Eine andere Variante von statischen Motiven vor einem Hintergrund mit Bewegungsunschärfe sind schnell bewegliche Objekte (Sport, Vögel o. ä.), wobei die Kamera über eine Nachführ-AF-Funktion verfügen muss und mit dem Motiv mitgezogen wird – dabei bleibt das Motiv scharf und der Hintergrund wird verwischt. Letzteres kann man im Einzelfall allerdings auch nachträglich mittels Bildbearbeitung bewerkstelligen.


Bei einem Schärfekontrast auf der Basis von Bokeh wird nur ein Portrait – egal ob Mensch oder Tier – scharf abgebildet und der Hintergrund verschwimmt bewusst in Unschärfe.

Will man ein Portrait – und NUR das Portrait! – scharf abbilden, dann ist das Bokeh das Mittel der Wahl, denn damit wird der (ablenkende) Hintergrund ganz bewusst in Unschärfe ausgeblendet. Wie das Bokeh ausfällt hängt von verschiedenen Faktoren ab, als da wären Lichtsituation, Bauform des Blendenringes im Objektiv und gewählte Blende. Grundsätzlich gilt, dass ein gutes Bokeh nur mit möglichst weit geöffneter Blende u. d. h. kleiner Blendenzahl realisierbar ist. Kleiner Tipp am Rande: Man kann sich das leicht merken, nämlich kleine Blendenzahl bedeutet kleiner Bereich der Tiefenschärfe und große Blendenzahl bedeutet großer Bereich der Schärfentiefe. Es ist zwar prinzipiell möglich, den Hintergrund auch mittels Bildbearbeitung verschwimmen zu lassen, doch wenn man das gleich während der Aufnahme realisiert, dann sieht es einfach echter aus.

So, das waren jetzt 15 Grundlagen zur Bildgestaltung – Grundlagen, die einem keine Kamera abnehmen kann. Es gibt zwar noch viel mehr, doch diese 15 Punkte erscheinen mir selbst am wichtigsten. Einige dieser Sachen lassen sich gut miteinander kombinieren, bspw. imaginäre Formen mit Komplementärkontrasten oder der oben liegende Horizont mit der Froschperspektive. Alles passt nicht zueinander. Was im Einzelfall zusammen passt muss der Fotograf anhand des gerade vorliegenden Motivs selbst heraus finden bzw. entscheiden. Auge und Kamera sind deutlich unterschiedlich. Die Bilder werden aber nun einmal mittels Kamera aufgenommen. Es obliegt dann dem Fotografen, ein Motiv aus der Sichtweise seiner Kamera zu beurteilen. Man spricht diesbezüglich auch vom „fotografischen Sehen“. Das kann man lernen. Es ist eine reine Übungssache. Nicht umsonst wird gesagt: „Fotografieren lernen bedeutet Sehen lernen!“ Hat man das „fotografische Sehen“ aber einmal verinnerlicht (was durchaus dauern kann, doch so nach den ersten 10.000 Fotos werden die Bilder meist besser) dann betrachtet man alles aus anderen Augen, wird kritischer, hinterfragt … Doch Vorsicht: Dieser Prozess ist irreversibel!