Energie ist die Quelle unserer Wirtschaft. Rohstoffe wie z. B. Baumaterialien, seltene Erden für die Halbleiterindustrie, Chemikalien für die Kunststoffproduktion, Düngemittel etc. lassen sich nur durch Energieeinsatz gewinnen. Energie ist aber mehr als Strom und Wärme. Die Ölkrisen 1973 und 1979 zeigten Deutschlands Abhängigkeit von saudischem Öl und seinerzeit wurde gesagt, dass Deutschland energieautark – d. h. unabhängig von Energieimporten – werden muss. Das bescherte der Atomindustrie einen unglaublichen Aufschwung und mit den Hinterlassenschaften dieses Aufschwungs haben wir heute noch zu kämpfen, denn ein sicheres Endlager existiert nicht (und das wird es wahrscheinlich auch niemals geben können).

Doch selbst der Atomstrom-Hype war reine Augenwischerei, musste das Uran doch aus Russland, Kasachstan, Kanada, USA und afrikanischen Ländern importiert werden. Gar nicht zu reden davon, dass viele unserer AKWs sechseckige Brennstäbe benötigen, die nur von den Russen gefertigt werden. Zudem wurde mit dem Aufstieg des Neoliberalismus wieder vermehrt auf fossile Energieträger gesetzt. Allerdings betrachtete man die Förderung von Kohle im Inland eher als unwirtschaftlich, was zur Schließung vieler Zechen führte (heute haben wir gar keine mehr). Stattdessen wurde auf Kohle und Gas aus Russland sowie auf Öl aus Nahost gesetzt: Man hatte nichts aus den Ölkrisen gelernt, begab sich von einer Abhängigkeit in die andere und wiederholte munter bereits zuvor gemachte Fehler durch Verlagerung der Problematik anstatt durch Lösung. Mehr noch: Mit dem Growian wurde ein pädagogisches Modell geschaffen, um Kernkraftgegner zum wahren Glauben zu bekehren. Growian sollte beweisen, dass Windenergie hierzulande nicht praktikabel ist. Heute haben wir die praktikable Windenergie – und ein Problem mit dem Import von russischem Gas.

Deswegen werden die Rufe nach anderen Energiequellen laut, auch wieder nach Kohle und nach Atomkraft, welche die EU jüngst in einem Anfall von akuter, schwerer Realitätsverweigerung als nachhaltig eingestuft hat. Wer soll denn diese Energieträger liefern? Etwa unser langjähriger Haus- und Hoflieferant namens Russland? Ist das nicht höchstgradig bescheuert? Überhaupt, der Gasmangel: Die Gasverdichterturbinen auf russischer Seite speisen das Gas mit 220 bar ein und in Deutschland kommt es mit 110 bar an. Die Druckverluste resultieren aus der Länge der Pipeline Nordstream 1. Die Turbinen stammen von Firma Siemens und werden auch durch Siemens jährlich gewartet. Sie befinden sich am Anfang der Pipeline und das ist auf russischem Boden. Da es sich um High Tech handelt, kann die Wartung auch nur in einem eigens dafür ausgerüsteten Werk erfolgen. Das befindet sich in Kanada. Eine Turbine wird folglich ausgeschaltet, ausgebaut, nach Kanada verschifft, dort überholt, zurückgeschickt, eingebaut, getestet und wieder in Betrieb genommen. Es folgt die Wartung der zweiten Turbine usw. Insgesamt, so habe ich mal irgendwo im Internet gelesen, soll es sich um vier Turbinen handeln.

Soweit die Theorie. Die Praxis sieht aufgrund der Sanktionen gegen Russland anders aus: Die erste Turbine ist in Kanada bereits überholt worden. Aufgrund der Sanktionspraxis verweigerten die Kanadier aber die Rückgabe – nicht an Siemens, sondern auf russischen Grund und Boden. Das bedeutet, dass die restlichen Turbinen zur Aufrechterhaltung des Druckes mit Überlast laufen müssen. Turbinen, die gleichfalls eine Wartung nötig hätten – eine Wartung, die aufgrund der Sanktionen aber nicht erfolgen kann. Man drosselt sie um komplette Ausfälle zu vermeiden. Das ist nur logisch. Das Gasproblem in Deutschland ist folglich komplett hausgemacht! Siemens wies bereits Anfang Juni ’22 auf das Gasversorgungsproblem und auf die Notwendigkeit politischer Gespräche mit Kanada hin. Unsere Politiker – allen voran der Germanist Habeck, der sich mit technischer Physik ganz offensichtlich sehr viel besser auskennt als die Entwickler der Turbine – wiesen das als „vorgeschoben“ zurück und setzten weiterhin auf Russen-Bashing. Die Quittung bekommen wir jetzt: Man hängt sich an den Fracking-Dreck aus den USA, obgleich das nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, und zeitgleich haben wir mittlerweile wieder eine Energiekrise!

OK, Kanada hat jetzt eingelenkt und will die Turbine zurück schicken. Aber was ist mit den anderen drei Turbinen, die auch eine Wartung nötig hätten? Wenn die ausfallen: Geht dann wieder das Gerede von „die Russen drehen uns den Gashahn zu“ los? Warum sträubt sich eigentlich alles gegen Nordstream 2? Die Anlage ist fertig! Sie war schon startklar, als das Aus von deutscher Seite kam – und zwar noch VOR dem Ukraine-Krieg! Auch darüber könnte Gas fließen. Könnte, wenn man nur wollte. Will man aber offensichtlich nicht – und zwar von deutscher Seite! Stattdessen gibt man Energiespartipps. Die Raumtemperatur soll gesenkt werden – kein Thema, kann man machen bis die Eiszapfen von der Decke wachsen. Die Temperatur der Heißwassertherme (standardmäßig um die 60°C) soll auf 40°C gesenkt werden: Ein lebensgefährlicher Tipp, denn Legionellen wachsen dann am besten, vermehren sich erst bei 55°C nicht mehr und sterben erst bei 60°C ab (ich habe die Legionärskrankheit überlebt und weiß daher verdammt genau wovon ich spreche). Das alles müsste nicht sein, wenn unsere „kompetenten Entscheider“ tatsächlich kompetent wären!

Zitat Bertolt Brecht: „Und sie sägten an den Ästen, auf denen sie saßen und schrien sich ihre Erfahrungen zu, wie man besser sägen könne. Und fuhren mit Krachen in die Tiefe. Und die ihnen zusahen beim Sägen schüttelten die Köpfe und sägten kräftig weiter.“ Auch fließendes russisches Gas kann unsere Energieabhängigkeit vom Ausland nicht vermindern. Es wäre daher inzwischen wirklich an der Zeit, die schon vor gut 40 Jahren beschworene Energieautarkie endlich Realität werden zu lassen, und zwar auf tatsächlich nachhaltige Weise. Was brauchen wir dazu? Strom, ganz, ganz viel Strom. Wie kann man den erzeugen? Mit Windkraft, Wasserkraft, Wellenkraft, Sonnenkraft sowie Geothermie, indem man immer da gerade das einsetzt, was aufgrund der vorhandenen Gegebenheiten am sinnvollsten erscheint. Nur haben derartige, regenerative Energien einen gravierenden Nachteil: Sie sind nicht Grundlast-fähig. D. h. die Sonne scheint oder der Wind weht nicht immer dann, wenn der Strom gebraucht wird. Und umgekehrt: Wenn kein Strom gebraucht wird treten Überschüsse auf.

Die logische Folgerung besteht darin, den Strom zu speichern. Wie kann man das machen? Mit Akku-Speicheranlagen, Pumpkraftwerken oder durch chemische Umwandlung. Chemische Umwandlung meint Wasserelektrolyse und E-Fuels, wobei die E-Fuels noch in der (durchaus erfolgversprechenden) Entwicklung sind. Die Elektrolyse von Wasser dagegen ist ein alter Hut – sie wurde im Jahr 1800 entdeckt – und heute eine bewährte Technik, wobei die modernsten und effizientesten Elektrolyseure aus Deutschland kommen. Bei der Elektrolyse wird Wasserstoff erzeugt. Der entstammt der elektrischen Zersetzung von leitfähigem Wasser. Das haben wir massenhaft vor der Haustür; es nennt sich Nord- und Ostsee. Der entstehende Wasserstoff muss verdichtet werden – Siemens baut die Verdichterturbinen (s. o.). Dann muss das Gas noch gespeichert und verteilt werden. Dazu bedarf es eines Leitungsnetzes. Haben wir, nennt sich deutsches Erdgasnetz und ist – wie erfolgreiche Versuche zeigten – durchaus für Wasserstoff einsetzbar: Es ist alles da, was wir für eine langfristige Energieautarkie brauchen! Doch es bleibt ungenutzt … Einen Anfang beim Ausstieg aus den Abhängigkeiten könnten wir jedenfalls zumindest schonmal wagen. Aber nicht mal das geschieht!

Betrachten wir jetzt mal die Seite der Stromerzeugung, denn die Elektrolyse erfordert ja bekanntlich Strom. Deutschland war mal führend auf dem Sektor der Solarengergie. Die GroKo kürzte vor zehn Jahren die Förderung der Photovoltaik, weil diese Energieform die großen Konzerne störte. Sie vernichtete dadurch hunderttausende von Arbeitsplätzen und machte eine ganze Branche kaputt. Heute gibt es zwar wieder deutsche Photovoltaik-Firmen, doch die Module kommen größtenteils aus Fernost: Es lebe China! Mit der Windenergie sieht es aktuell nicht viel besser aus: Das letzte deutsche Rotorblattwerk – Nordex in Rostock – musste vor gar nicht langer Zeit dicht machen. Die Anlagen werden künftig aus Indien importiert. D. h. mit ausdrücklicher politischer Billigung wurde und wird hier deutsches Know How einfach weggeworfen und beerdigt, werden massenhaft Arbeitsplätze vorsätzlich vernichtet.

Was bedeutet das für die Energiewende? Energiewende heißt, dieses Know How zu reaktivieren und zu nutzen – und nicht etwa das Gegenteil! Energiewende bedeutet den Aufbau einer Wasserstoff-Strom-Wirtschaft und nicht das Ausweichen auf andere Abhängigkeiten durch althergebrachte, nachweislich klimaschädliche Energieträger. Wasserstoffwirtschaft und Stromerzeugung greifen dabei ineinander wie die Zahnräder eines Getriebes; das eine funktioniert nicht ohne das andere. Nur taucht dabei ein weiteres Problem auf: Mit Billiglöhnen ist das nicht bezahlbar und mit runtergefahrener und kaputtreformierter Bildung fehlt es am Fachpersonal. Daher kann der Markt es nicht regeln und es ist die Regierung, die hinsichtlich der Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen dringend gefordert ist. Sie muss ein umfassendes Konzept erarbeiten und umsetzen.

Die allerdings sucht lieber nach neuen Abhängigkeiten (ist ja auch bequemer), ruft zum Stromsparen auf, befürwortet gleichzeitig das Fahren mit Strom und macht sich auf diese Weise hochgradig lächerlich. Was aber kann man erwarten, wenn ein gewisser Germanist sich für technisch kompetenter hält als ein technischer Ingenieur oder wenn eine gewisse Außenministerin in einem Fernsehinterview absondert, dass ihre Holzkohle beim Grillen kein CO2 erzeugt, weil es sich um zertifizierte Holzkohle handelt? Unsere Politik sieht weg. Die Medien präsentieren uns Interessenvertreter als vermeintliche Experten, während die echten Experten ungehört bleiben – denn was die zu sagen haben könnte ja Veränderungen nach sich ziehen. Veränderungen? Bloß nicht! Lieber alles beim alten belassen, Augen zu und durch, nach uns die Sintflut und was vor den Wahlen versprochen worden ist war selbstverständlich nur ein „versehentlicher“ Versprecher. Wir haben es JETZT in der Hand, die Abhängigkeiten zu überwinden – weil wir nicht mehr weit davon entfernt sind, dass uns der ganze Mist krachend auf die Füße fällt! Werden wir verarscht oder/und von Leuten regiert, die in der Schule nur Singen und Klatschen hatten?