(Im nun folgenden Beitrag, der nicht von mir alleine stammt, denn ich habe die Beobachtungen und Erkenntnisse namhafter Humanethologen wie bspw. Diether Krebs, Dietmar Wischmeyer, Kai Klüwer, Stephan „Hösti“ Höstermann u. a. selbstverständlich mit einfließen lassen, geht es um eine ganz eigentümlich Landschaft in Norddeutschland und um deren Bewohner. Den Erkenntnissen dieses Beitrages liegt Jahrzehnte lange, intensive Feldforschung unmittelbar vor Ort und ungeachtet aller damit verbundenen Gefahren zugrunde.)

Ich liebe den Urlaub am Meer, das unverfälschte Naturerlebnis!

Gezeiten: „Wollen wir den Touris das Schwimmen beibringen?“
Krebse und Quallen: „Wollen wir Touris erschrecken?“
Robben: „Wollen wir Touris verscheuchen?“
Möwen: „Wollen wir Touris vollkacken?“
Wind: „Wollen wir Touris die Fische füttern lassen?“

Wenn man die ganzen Widrigkeiten überstanden hat und völlig ausgehungert zur Imbissbude wankt, fragt oben drauf die eine Möwe die andere: „Willst du deine Pommes mit Mayo oder mit Ketschup? Und darf’s als Dessert noch ein Eis sein?“ Worauf ich hinaus will: Das Leben an der Küste ist hart und die vor nichts und niemandem zurückschreckenden Luftpiraten sind allgegenwärtig. Und nein, mit „hart“ meine ich nicht den einen Tag, den man gemeinhin als Sommer bezeichnet. Dagegen mutet die Bibel mit 1.Mose 7:4 geradezu himmlisch an: „Denn noch über sieben Tage will ich regnen lassen auf Erden vierzig Tage und vierzig Nächte …“ Wer freut sich in Norddeutschland nicht über nur schlappe, lumpige vierzig Tage und vierzig Nächte an Regen?

Weil das mit der Sonne immer so eine Sache ist – dosiert gibt’s die nicht, nur volle Breitseite bis zum Verbrennen oder gar nicht – wird den Touristen an der Küste noch dieses und jenes geboten. Besonders beliebt sind Ausflugsfahrten mit früheren Krabbenkuttern und so richtig gut kommen die erst ab mindestens Windstärke Sieben. Weil dann fast alle an der Reling stehen und die Fische füttern – das nenne ich mal echtes, kollektives Umweltbewusstsein! Man tut ja auch sonst nichts für die arg gebeutelten Meeresbewohner! Die Einheimischen sind froh darüber, dass die Corona-Regeln mit den 1,5m Sicherheitsabstand gelockert wurden und sie endlich wieder zu ihrem gewohnten Komfortabstand von 5 bis 6m zurück kehren konnten. Sie leben von den Touristen und ein ekstatisch-begeistertes, aus tiefstem Herzen kommendes „Jo“ kündet von ihrer Freude darüber, dass es jetzt wieder jemanden zum Ausnehmen gib… – äh – dass Geld in die Kasse kommt.

Sprachliche Probleme sind an der Küste im allgemeinen nicht zu erwarten, doch spielt die Wortwahl dabei die entscheidende Rolle: „Schätzelein, weißt du, worauf ich jetzt so richtig Bock hätte? Fängt mit ‚F‘ an und hört mit ’n‘ auf!“ „Fischbrötchen!“ Im allgemeinen jedoch reichen „Moin!“ und „Jo!“ in allen Lebenslagen völlig aus. Aufgrund dieses gigantischen Umfangs an Vokabeln passt der norddeutsche Duden auch auf einen Einkaufszettel und kann jederzeit mitgeführt werden: Da braucht man keinen Google-Übersetzer! Wer allerdings auf wortreiche Diskussionen aus ist de mutt bitieden Platt snacken un doabi keen Gedrömel vun sik geem.

Eine ganz besondere Attraktion an der Küste, die man sich anlässlich eines Urlaubs am Meer niemals entgehen lassen sollte, sind die Deichschafe. Dabei handelt es sich um eine ganz besondere Rasse, die speziell für den Aufenthalt am Deich gezüchtet worden ist, denn sie weist auf einer Körperhälfte längere und auf der anderen Körperhälfte kürzere Beine auf – anderfalls würden die Deichschafe aufgrund der Deichschräge ja auch umkippen! Außerdem ist jedes Deichschaf ein zuverlässigerer Wetteranzeiger als jeder Laubfrosch. Hat das Deichschaf Locken, dann ist es rein wettermäßig höchstens „Büschn windig!“. Sturm ist erst, wenn das Deichschaf keine Locken mehr hat. Wenn es weg ist, dann ist Orkan. Aus der Flugrichtung der Deichschafe lässt sich auch unschwer ableiten, ob gerade Westwind oder Ostwind vorherrscht.

Auch in kulinarischer Hinsicht ist die Küste ein echtes Erlebnis! Man kennt das ja: Wird die Bäckerei ausgefegt gibt’s Rumkugeln. Wird die Schlachterei ausgefegt gibt’s Leberkäse. In Norddeutschland sind es die Fischgeschäfte – werden die ausgefegt, dann gibt’s Labskaus. Die einen mögen ihn nicht und die anderen behaupten, es sei das Scheußlichste, was ihnen je auf den Teller gekommen ist. Da ich lange Jahre meines Lebens an der Küste verbracht habe, bin ich selbstverständlich im Besitz eines seit altersher überlieferten Original-Labskaus-Rezeptes. Das will ich der Leserschaft keinesfalls vorenthalten. Hier ist es:

Für echten Labskaus bedarf es frischer Seeluft. Dazu kauft man sich einen Hering, befestigt den trickreich am Ventilator und lässt das Ganze für so ungefähr sechs Wochen lang laufen. Während dieser Zeit sammelt man alles, was in der Küche so an Fischabfällen anfällt und was beim Auffegen zutage tritt. Es darf und soll ruhig schon gären! Die so erhaltene Masse wird durch die feine Scheibe eines Fleischwolfes gedreht, sofern dieser das mitmacht. Nicht vergessen: Den am Ende der sechsten Woche gut abgehangenen Hering mit dazu geben! Wobei: Wenn es richtig gemacht worden ist, dann zerfällt der schon von selbst. Anschließend wandert die Masse in eine feuerfeste Form und wird so lange überbacken, bis die Nachbarn vom Geruch der Spezialität überwältigt ihre Häuser verlassen oder niederbrennen: Guten Appetit!

Labskaus ist ein unvergessliches Erlebnis. Im Urlaub empfiehlt es sich allerdings, aufgrund der unvermeidlichen Vergiftungserscheinungen das Gericht erst an einem der letzten Urlaubstage zu sich zu nehmen. Andererseits hat das aber auch den unbestreitbaren Vorteil, den Urlaub am Meer – wenngleich auch im Krankenhaus – auf unbestimmte Zeit verlängern zu können. Neben dem kulinarischen Feuerwerk liefert Labskaus aber noch etwas ganz anderes: Einen unverwechselbaren Eindruck vom Geruch am Meer! Es ist der typische Geruch nach Salz, Wasser, Tang, Teer, vermoderndem Fisch und zwanzig Jahre altem Frittenfett – einfach einmalig und unverwechselbar!

Nicht alle Touristen mögen diesen unverwechselbaren Duft und versuchen dann, den zu übertünchen. Hier ein Nuttendiesel, da ein Rasierwasser und nicht zu vergessen die mitunter allgegenwärtige Sonnenmilch … Kleiner Tipp dazu: Wenn sich bei euren Gesprächspartnern die Augen röten, dann muss es nicht am Wind liegen. Etwas weniger an Duftwässerchen wäre vielleicht mehr gewesen! Man behauptet auch immer, dass die Küste grau wäre. Dabei stimmt das gar nicht! Sobald die Touris auftauchen, färbt sich das Watt durch die zahllosen Gummistiefel wirklich leuchtend bunt! Beim Watt differenziert der Küstenbewohner übrigens zwischen vier Arten und das sind „Sandwatt“, „Mischwatt“, „Schlickwatt“ sowie „Bringt-dat-watt“.

Der Einheimische hingegen verzichtet im Watt von zwei Ausnahmen einmal abgesehen auf Gummistiefel und geht barfuß rein. Bei richtig großen Füßen hat das auch den Vorteil, mit hinreichend viel Anlauf Schlicksurfen ohne jegliches Equipment betreiben zu können – und das macht echt Laune, weiß ich aus Erfahrung! Die beiden Ausnahmen sind schnell erläutert. Einerseits gibt’s diese Muschelbänke und obwohl sich die Schnitte in den Füßen aufgrund des Salzwassers recht schnell wieder schließen ist barfuß auf einer Muschelbank doch eher etwas für Fakir-Azubis. Dann muss man stellenweise auch noch mit vom Meer wieder ausgekotzen „Entsorgungen“ rechnen – also Phosphor oder Senfgas – und dabei ist man mit Gummistiefeln besser bedient, weil gesünder.

Aber warum verzichtet der Einheimische wann immer möglich im Watt auf Gummistiefel? Ist ganz einfach: Weil an der Küste wässriger Modder in modderiges Wasser über geht trägt der Küstenbewohner seine Gummistiefel standardmäßig schon an Land und verpasst seinen Füßen eben dadurch ein unverwechselbares, reifes Aroma, auf das jede holländische Käserei mit Neid blickt. Draußen im Watt – genauer gesagt in den Prielen – vereinfacht dieses Aroma den Fang von Scholle, Seezunge, Steinbutt und anderen Plattfischen. Die treiben dann betäubt bauchoben auf dem Wasser und man benötigt lediglich noch einen Kescher zum Einsammeln. Wenn also irgendein Fischgeschäft mit „Scholle satt!“ wirbt, dann wisst ihr jetzt, wie solche Angebote zustande kommen.

Wo wir schon einmal bei Gastronomie sind habe ich hier noch einen wichtigen Hinweis. Was man sich an der Küste niemals entgehen lassen sollte sind die regionalen Getränkespezialitäten. Die reichen vom „Pharisäer“ über die „Tote Tante“ (inklusive deren Verwandtschaft) und „Grog“ bis hin zur „Fasanenbrause“ und allen diesen Durstlöschern ist gemeinsam, dass nach dem Genuss spätestens beim Aufstehen die Schwerkraft urplötzlich aus allen Richtungen kommt. Dem Küstenbewohner hilft das, das Schwanken eines Bootes bei kräftigem Seegang zu kompensieren, denn wenn er selbst in Gegenrichtung schwankt, gleicht sich beides wieder wieder aus: An der Küste hat eben alles seinen tieferen Sinn, auch wenn der sich dem ortsfremden Urlauber mitunter nicht unmittelbar zu erschließen vermag!

Eher selten gewordene – dafür aber umso unverzichbarere – Events sind Stapelläufe und Schiffstaufen. Beides zieht immer große Menschenmassen an. Besonders interessant am Stapellauf ist, dass offensichtlich niemand einen Gedanken an verdrängtes Wasser verschwendet und sich hinterher bitterlich über die patschnasse Kleidung beschwert – immer wieder ein schönes Bild und ein erhebendes Erlebnis, wenn man sich sagen kann: „Ach guck‘, auch die Evolution macht mal Fehler!“ Schiffstaufen hingegen sind für die Sicherheit auf See unverzichtbar, denn wohin es führt, wenn ein Schiff nicht offiziell getauft worden ist, hat ja das Beispiel der Titanic eindringlich bewiesen.

Kurz vor Schluss kommt dann noch ein wichtiger Verkehrshinweis für Autofahrer, denen der Flachglobus fremd ist und die sich stattdessen lieber auf ihr Navi verlassen: Erst an der Küste zeigt sich, ob dein Navi dir wohlgesonnen ist oder ob das heimtückische Stück Technik dir nach dem Leben trachtet. Fährst du nämlich binnendieks und es erzählt dir was vom Abbiegen, dann ist alles in bester Ordnung. Macht es das aber butendieks, dann will es dich ganz unzweifelhaft ersäufen! Daher merke: Bevor du dich an der Küste auf dein Navi verlässt schau erstmal nach, ob du irgendwo Wasser (oder Modder) siehst! Und letzten Endes gilt immer: Lieber im Meer baden als in Arbeit schwimmen!