Es gibt zwei Arten von Menschen: Die einen finden das Watt furchtbar. Die anderen lieben es. Ich zähle mich zur zweiten Gruppe, was wahrscheinlich daraus resultiert, dass ich mit dem Watt aufgewachsen bin. Bei Wattwanderungen – selbstverständlich barfuß – kann man so richtig schön die Seele baumeln lassen. Außerdem ist das die beste Fußmassage und ein Universalheilmittel für alles was mit der Haut zu tun hat. Dabei darf man allerdings niemals vergessen, dass es sich um zeitweise mehr oder weniger trocken gefallenen Meeresboden handelt. Zeitweise bedeutet, dass das Wasser irgendwann zurück kommt. Wer vom Watt nun so überhaupt gar keine Ahnung hat, ist bestens damit bedient, sich der Führung durch einen ortskundigen Wattführer anzuschließen.

Wattwanderungen mit Führer beschränken sich zumeist auf das Kennenlernen von Flora und Fauna; das richtige Verhalten im Watt kommt dabei aber i. d. Regel zu kurz. Dieser Beitrag befasst sich mit besagtem Verhalten und richtet sich daher an diejenigen, die gerne auf eigene Faust losziehen. Ich habe die Wattgebiete vor Eiderstedt und vor Dithmarschen durchwandert, vor Cuxhaven, vor den ostfriesischen Inseln und von den Inseln aus: Jedes Wattgebiet ist anders und die, die man zu kennen glaubt, verändern sich durch Ebbe und Flut mitunter gravierend. Aber es gibt dennoch ein paar allgemeingültige Grundregeln.

Zunächst mal: Kalte oder warme Füße? Geht man morgens raus dann hat die Sonne den Wattboden noch nicht erwärmt und es ist kalt. Nachmittags verhält es sich umgekehrt. Doch wo kann man gefahrlos lang gehen? Man bleibt ergo erst einmal auf dem Deich bzw. auf einer Düne stehen um zu gucken: Wo verlaufen die Priele und wie sind sie beschaffen? Wo befinden sich Muschelfelder? Wo ist welche Art von Watt vorhanden? Knüpfen wir gleich an die letzte Frage an. Der Norddeutsche differenziert zwischen vier Arten von Watt, nämlich Sandwatt, Schlickwatt, Mischwatt und Bringt-Dat-Watt. Die letztgenannte Art von Watt interessiert nur die Geschäftsleute und damit habe ich auch keine Erfahrungen – folglich lasse ich das mal außen vor.

Sandwatt: Gut erkennbar an den Rippelmarken und häufig knüppelfest, weil aus miteinander verhakten Sandteilchen bestehend. Da die das Wasser auch noch gut ablaufen lassen ist Sandwatt heller als Schlickwatt. Auf Sandwatt kann man wirklich Kilometer machen!


Typisches Sandwatt.

Schlickwatt: Schlickwatt ist i. d. R. ziemlich dunkel und die beim Sandwatt typischen Rippelmarken fehlen weitestgehend. Es besteht aus feinsten Tonteilchen, die eher ein Gel als eine feste Masse bilden und die folglich sehr viel Wasser speichern. Entsprechend wenig tragfähig ist der Untergrund, denn man sackt tief ein; bis zu den Knien oder im Extremfall sogar bis zur Hüfte ist keine Seltenheit. Im Schlickwatt kommt man nicht voran und das kann lebensgefährlich sein wenn die Flut aufläuft. Weil man darin stecken bleibt!


Typisches Schlickwatt.

Mischwatt: Der Untergrund ist tragfähig, weil aus Sandwatt bestehend. Der Schlick hat sich darüber abgelagert und lässt die Rippelmarken des Sandes noch rundimentär erkennen. Oftmals ist das Mischwatt von kleinen und kleinsten Prielen durchzogen. Das Vorwärtskommen kann sich mühsam gestalten, denn der Untergrund ist rutschig-glitschig und man sackt bis zu den Knöcheln ein. Gleichgewicht ist gefragt! Entsprechend muss man zum Durchqueren von Mischwatt auch deutlich mehr Zeit einplanen.


Typisches Mischwatt.

Vielleicht noch ein kleiner Tipp am Rande: Wenn selbst Möwen mit ihrem geringen Gewicht schon soweit einsacken, dass man deren Füße nicht mehr im Schlamm erkennen kann, dann sollte man um das betreffende Wattgebiet lieber einen großen Bogen machen. Hingegen zeigen die Vogelspuren im Watt auch die Begehbarkeit des Bodens an. Unabhängig vom Wetter – auf das ich weiter unten noch zu sprechen komme – stellt sich nun selbstverständlich die Frage, wann kann man wie weit rausgehen?

Einen ersten Überblick liefern Seekarten, denn in denen sind Wattgebiete und Sandbänke verzeichnet. Das gibt schon mal die grobe Richtung vor. Das man nur bei ablaufendem Wasser (weit) rausgeht versteht sich von selbst, denn es gibt da ja noch die Priele (s. u.). Unverzichtbar sind Uhr und Tidenkalender. Im Tidenkalender ist der Zeitpunkt des Niedrigwassers verzeichnet. Streng genommen handelt es sich dabei aber um die Mitte des Stauwassers, welches rund zehn Minuten andauert. In diesen zehn Minuten tut ich hinsichtlich Ebbe und Flut gar nichts. Zuvor ist ablaufendes und hinterher auflaufendes Wasser. Für die Zeit des Aufenthalts im Watt gilt als Faustregel Niedrigwasser lt. Tidenkalender plus-minus zwei Stunden. In diesem Zeitraum – also vier Stunden – lassen sich rund 15km zurück legen; nur im Ausnahmefall und wenn man den Weg schon sehr gut kennt auch mal 20km. Hat man nach zwei Stunden noch einen längeren als den bereits zurückgelegten Weg vor sich, dann gilt die eiserne Grundregel: Umkehren wenn man nicht ersaufen will! Wegen der Priele kann das Umkehren bei Stauwasser aber schon grenzwertig sein – je nach Beschaffenheit des Geländes ist u. U. das Umkehren auch schon eine Stunde vor Niedrigwasser angesagt.

Nun lassen sich Entfernungen auf See nicht abschätzen. Für das Watt gilt das Gleiche. Überaus nützlich ist hier ein Pedometer – gibt’s sowohl für’s Handy wie auch als Stand-Alone-Gerät mit Gürtelclip. Bitte beachten, dass das Pedometer funktionieren muss! Es muss daher unbedingt vor der Wattwanderung auf Herz und Nieren geprüft worden sein. Wichtig bei Handy-Pedometer-Apps ist auch, dass die Dinger im Rucksack getragen NICHT richtig zählen und nur etwa die Hälfte des Weges detektieren (Erfahrungswert). Nützlich ist auch ein Kompass, wenn man damit umzugehen weiß. Womit wir beim Wetter wären.

Bei Gewitter oder Nebel – bzw. wenn eine gravierende Temperaturänderung erwartet wird – geht man grundsätzlich nicht raus! Temperaturänderungen begünstigen Nebel und im rasch aufziehenden Seenebel verliert man jeglich Orientierung. Ohne Kompass ist man aufgeschmissen, denn da bei jedem Menschen ein Bein geringfügig kürzer als das andere ist läuft man unweigerlich im Kreis. Nur dann, wenn man das Wattgebiet kennt und weiß, wo welches Grünzeug wächst, kann das eine ungefähre Orientierung ermöglichen – weil es bei ablaufendem Wasser zur Wasserlinie hin zeigt. Eine seltene (und vielleicht auch nur regional auftretende) Sonderform des Nebels ist der so genannte Geisternebel. Die Sonne erwärmt den Wattsockel. Manchmal bilden sich rein laminare Strömungen aufsteigender Warmluft, an deren Außenseiten Kaltluft nach unten sinkt. Wenn die feuchtigkeitsgesättigt ist, dann kondensiert die Feuchtigkeit und es entstehen Nebelsäulen, die geisterhaft über das Watt wabern. Im Innern einer solchen Nebelsäule ist es wie in Milch: Man sieht im wahrsten Sinne des Wortes die Hand vor Augen nicht. Einen Meter daneben kann klarste Sicht und schönster Sonnenschein herrschen. Gerät man in den Geisternebel, dann ist es am wichtigsten, aus so einer Nebelsäule heraus zu kommen. Den Rückweg antreten: Denn wer weiß, ob sich nicht die Säulen zur Nebelbank vereinigen.

Kommen wir zum Gewitter. Der Blitz schlägt immer am höchsten Punkt ein. Im Watt ist das der Wattwanderer. Beim direkten Treffer hat man verdammt schlechte Karten. Aber es muss sich gar nicht mal um einen direkten Treffer handeln. Der Blitz kann kilometerweit entfernt runtergehen und doch bekommt man es auf unangenehmste Weise zu spüren, da das Salzwasser den Strom hervorragend leitet. Der Blitzstrom breitet sich an der Einschlagstelle nach allen Richtungen im Boden aus. An der Erdoberfläche kann zwischen den Füßen eine „Schrittspannung“ auftreten, die einen Strom durch den Körper schickt und die zu gefährlichen Folgeerscheinungen (z. B. Muskelkontraktionen, Herzstillstand) führen kann. Dadurch ist ein Mensch auch noch in größerem Abstand vom Einschlagsort durch die Wirkung der Blitzströme gefährdet. Der Ratschlag, sich bei Gewitter im Freien hinzuhocken, um die Schrittspannung so klein wie möglich halten, erweist sich im Watt jedoch als völlig kontraproduktiv – weil das Wasser ja auch wiederkommt! Deswegen rennt! Rennt um euer Leben! Raus aus dem Watt! Achtet auf die Wolken: Selbst eine kleine und völlig harmlos erscheinende Gewitterwolke kann sich im Watt binnen nur einer Viertelstunde zum Gewittermonster entwickeln! Folglich sollte man bei Gewittergefahr das Watt meiden.

Vorsicht ist auch bei starkem Wind geboten, denn der kann das Wasser trotz Ebbe verdammt weit wieder reindrücken. Bei Sturm sollte man das Watt sowieso meiden, denn es könnte zum Windstau kommen. Der drückt auch bei Ebbe das Wasser blitzschnell in einer Höhe wieder rein, die sich nur noch schwimmend bewältigen lässt. Das habe ich selbst erlebt! Aber bei schönem Wetter kann doch nichts passieren, oder? Kommt drauf an, wie schön das Wetter ist. Sonne im Watt ist herrlich. Blauer Himmel, weites Meer … Aber der hauchfeine Wasserfilm auf dem Watt wirkt auch wie ein Spiegel für die UV-Strahlen. D. h. man kann sich in Rekordzeit megagründlich den Pelz verbrennen. Hat man keinen Sonnenschutz dabei, dann hilft das Einschmieren mit Schlick. Hinterher am Strand kann das Zeug ja wieder abgeduscht werden.


Ein Priel.

Oben wurden die Priele bereits angesprochen. Als Priele bezeichnet man die Wasserrinnen, die das Watt durchziehen. Es handelt sich quasi um Flüsse auf dem Meeresgrund. Sie entwässern den Meeresgrund bei Ebbe. Bei Flut laufen sie aber auch zuerst voll und können einem Wanderer durchaus den Rückweg abschneiden, so dass die betreffenden Personen dann auf einer Sandbank stranden und auf Hilfe angewiesen sind. Ohne Hilfe ersäuft man. Meistens jedenfalls. Denn Schwimmen ist im Tidenstrom Schwerstarbeit; das hält keiner lange durch. Hinzu kommt in dem Falle auch noch die Unterkühlungsgefahr. Priele sollte man S-förmig überqueren, denn dann bleiben sie flach. Geht ganz leicht: Man sucht sich die Stelle, an der sich der Wattboden ganz sachte in den Priel senkt. Da reingehen. Jetzt stromauf- oder stromabwärts die nächste, breiteste Stelle (d. h. die Stelle mit der kleinsten Strömungsgeschwindigkeit) suchen. Die so S-förmig über die Prielmitte hin ansteuern und auch dort auf die Stelle, an der sich der Wattboden wieder ganz sachte in den Priel senkt, zugehen. Auf diese Weise bleibt man immer in den strömungsärmsten und damit auch in den flachsten Zonen. Wohingegen es, wenn man direkt rüber will, doch mitunter schon recht tief werden kann. Zumal man bei dem mittransportierten Sand zumeist den Grund nicht sieht und mit meterhohen Abbruchkanten rechnen muss … Manchmal weisen Verfärbungen im Wasser auf solche Veränderungen der Tiefe hin.


Wattbewohner …

Übrigens sind die Priele – ebenso wie die Fluttümpel – auch Rückzugsorte für die Wattbewohner. Die Gefahren durch tollwütige Strandkrabben, bissige Quallen, mordlüsterne Seesterne oder blutrünstige Einsiedlerkrebse werden dabei normalerweise allerdings maßlos übertrieben. Beim Wattwandern trifft man öfter auf Quallen, die leblos auf dem Wattsockel rumliegen. Hier gilt die Faustregel: Quallen mit dicken, fleischigen Tentakeln „brennen“ nicht. Da kann man ruhig reinlatschen. Hingegen ist bei Quallen mit langen, dünnen Nesselfäden äußerste Vorsicht geboten, denn auch die (meterlangen) Nesselfäden der toten Tiere haben es noch gewaltig in sich, selbst wenn diese Fäden vom eigentlichen Tier abgetrennt sind. Die betreffenden Verbrennungen äußern sich in blaurot-violetten und wirklich absolut eklig schmerzenden Striemen, gegen die es in der Apotheke Cortisonpräparate gibt. „Killerquallen“ gibt’s in der Nordsee allerdings nicht.

Krebse findet man immer wieder. Sie sind harmlos und i. d. R. auch tot, weil Fast Food für die allgegenwärtigen Möwen. Findet man wirklich mal einen lebendigen Krebs, dann hat der mehr Angst vor uns als wir vor dem. Wir sind ja auch schwerer und beim versehentlichen Drauftreten ist das Viech ziemlich platt. Um einen Krebs mit bloßer Hand zu fangen drückt man blitzschnell von hinten mit dem Daumen oben auf den Panzer und nagelt ihn so fest. Dann mit dem Zeigefinger von hinten-unten durch den Schlick an den Panzer heran wühlen und das Tier aus dem Matsch heben, damit man sich’s genau ansehen kann. Nicht in die Nähe der Zangen kommen, denn damit kann die Strandkrabbe gewaltig zwicken – und der Taschenkrebs sogar mühelos einen Finger oder Zeh amputieren. Auch sollte man keineswegs die Kraft eines solchen, in Panik geratenen Tieres unterschätzen – also wirklich gut festhalten! Durchquert man einen Priel oder relativ viel Wasser führenden Fluttümpel, dann sollte man unbedingt mit den Füßen schlurfen, denn das verscheucht Krebstiere und Petermännchen. Letztere sind echt fies!


Muschelfelder finden sich praktisch immer in Prielnähe.

Muschelfelder finden sich praktisch immer in Prielnähe. Man weicht ihnen weiträumig aus. Warum? Das Gehen auf Herz-, Mies- und Pfeffermuscheln ist zwar grundsätzlich möglich, aber ziemlich unangenehm. Ganz anders sieht es bei den rasiermesserscharfen Sandklaffmuschen aus: Die gucken ganz schnell oben aus dem Fuß wieder raus und im Watt ist’s mit Erster Hilfe ziemlich Essig. Auch zu meiden sind rote Fluttümpel oder rote Bereiche an der Wasserlinie, weil man es da mit der „Roten Tide“ zu tun hat. Die wird von Cyanobacter verursacht, die einen ganzen Cocktail von (Neuro-) Toxinen absondern. Bedeutet: Das Zeug ist hochgiftig! Da sollte man einen ganz großen Bogen drum machen. Eltern, die ihre Kindern in dem „schönen roten Wasser“ spielen lassen, dürfen gerne schon mal reichlich Wiedervorstellungstermine beim Kinderarzt machen, denn Microcystin-Vergiftungen können sehr langwierig sein. Erwachsene stecken das meist etwas besser als die Kinder weg.

Fehlt noch das auflaufende Wasser, der so genannte Flutstrom. Zumeist bewegt sich das Wasser in der Größenordnung von etwa 20cm/Sek. vorwärts, entsprechend etwa 0,72km/h. Sofern einem nicht vollgelaufene Priele den Rückweg abschneiden, kann man bei auflaufender Flut ganz gemächlich zurück gehen. Zwischen den Inseln existiert mit 1,8m/Sek. und entsprechend 6,48km/h eine Ausnahme. Dort braucht man aber nicht in einen Dauerlauf zu verfallen, weil die Priele ohnehin schon voll sind. Wird man da vom Wasser eingeschlossen, dann ist’s ohnehin zu spät. In Strandnähe und ohne Priele kann man auch bei auflaufendem Wasser relativ ungefährdet ein kleines Stück weit rausgehen.

So, dass waren jetzt meine über die Jahrzehnte hinweg gesammelten Erfahrungen bzw. Tipps zum Wattwandern. Wenn man das mal verinnerlicht hat, dann schrecken einen auch längere Touren nicht mehr – wobei man anfangs kleine Touren von vielleicht 7km unternimmt um das Wattgebiet kennen zu lernen und die dann ausweitet. Übrigens: Schlick-Spritzer auf der Kleidung (die bleiben nicht aus) einfach nur trocknen lassen und anschließend abbürsten, niemals gleich verreiben. Zurück bleiben blassgraue Flecken, denen die Waschmaschine zuleibe rücken kann. Und wer ganz auf Nummer Sicher gehen will nimmt noch eine Hochsee-Rettungs-Pfeife mit, denn die hört man kilometerweit.