Wenn einer eine Reise tut … – oder: Impressionen aus Hooksiel. Der Jahresurlaub liegt hinter uns, also hinter meiner besseren Hälfte und mir. Mal gut eine Woche lang raus, nachdem wir über ein Jahr darauf verzichten mussten. Warum verzichten? So läuft das nun einmal, wenn man sich um die häusliche Pflege kümmert. Über ein Jahr lang haben wir auf diesen Urlaub – den wir auch bitter nötig hatten – warten müssen. Angesichts des physischen und psychischen Zustandes unserer beiden Pflegefälle stand von vornherein fest, dass wir einerseits nur ein Ziel im Inland ansteuern können und dass es andererseits auch noch halbwegs verkehrsgünstig gelegen sein muss, so dass wir im Fall der Fälle binnen weniger Stunden wieder zuhause sein können. Mit einer Kurzzeitpflege hätte sich alles einfacher gestaltet, aber KZP-Plätze waren trotz monatelanger Suche nicht zu bekommen. Wären da nicht unsere Kinder, die Sozialstation sowie Essen auf Rädern gewesen hätten wir den Urlaub sogar stornieren müssen. Immerhin: Es hat geklappt und dafür bin ich ganz besonders meinen Kindern überaus dankbar. Eine gewisse Verwandtschaft, die eigentlich noch weit vor denen in der Pflicht gewesen wäre, sollte mir aber lieber ganz lange und ganz weit aus dem Weg gehen!

Zu Corona-Zeiten machen verdammt viele Leute im Inland Urlaub und daher geriet die ganze Sache im Vorfeld zum Urlaub mit Hindernissen. Meine Zielvorstellung lief ursprünglich irgendwo in Richtung auf die ostfriesische Küste hinaus. Ich begann schon im Februar zu suchen: Bensersiel, Neuharlingersiel, Carolinensiel, Schillig, Horumersiel … – alles zwar nur ein paar Autostunden vom Schaumburger Land entfernt, aber auch alles ausgebucht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. In Horumersiel wurde ich dann hinsichtlich eines Appartements fündig und buchte im April gezwungermaßen über ein I-Net-Portal (was ich normalerweise hasse, denn direkte Kontakte sind mir wesentlich lieber und ich bin in dieser Hinsicht hoffnungslos altmodisch). Die Buchung lief durch und ich sollte von besagtem Portal Zugangsdaten für alles Weitere erhalten, die aber nie ankamen. Ich kontaktierte das Portal per Kontaktformular, erhielt keine Antwort, versuchte es telefonisch und erfuhr, dass ich zur Bearbeitung meines Anliegens die mir nicht vorliegenden Zugangsdaten benötigte: Der Hauptmann von Köpenick ließ grüßen!

Glücklicherweise kam aber die Buchungsbestätigung seitens des Vermieters und auf der standen sowohl eine Mail- wie auch eine Telefonadresse für die direkte Kontaktaufnahme drauf. Puh – die Kuh war also schonmal vom Eis! Als es dann endlich soweit und alles bezahlt worden war ging es nach Hooksiel. Positiv: KEINE Fahrt durch das nervenzerfetzende Nadelöhr Hamburg! Kam noch hinzu, dass An- und Abreise unter der Woche erfolgten. Am Wochenende trifft man auf der Autobahn oftmals auf diejenigen, die ihre Karre die ganze Woche über mit dem Wattestäbchen polieren und die sich anschließend erst einmal erinnern müssen, wozu die komischen Pedale und das merkwürdige runde Ding im Innenraum da sind. Unter der Woche trifft man auf der Autobahn diejenigen, die fahren können – weil sie es beruflich machen. Staus gab’s nicht. Daher beanspruchten sowohl Hin- wie auch Rückfahrt jeweils keine drei Stunden: Völlig ungewohntes und entspanntes Fahren!

In Hooksiel angekommen und auf dem Weg zur Unterkunft lauerte eine Überraschung, nämlich so eine Beinahe-Fußgängerzone am „Alten Hafen“, also so ziemlich am Ende des Siels. „Da kannst du nicht durchfahren!“ sagte meine Frau. Darauf ich: „Da muss ich aber durch und da fahre ich auch durch. Vorne war ein Anliegerschild und wir haben ja schließlich ein Anliegen!“ Das brachte uns zwar ein paar missbilligende Blicke einiger Fußgänger ein, doch war das offensichtlich deren Problem. Das Appartement erwies sich als groß, einfach, funktionell und sauber. Zunächst wurde der Ort erkundet: Der Bäcker befand sich keine zweihundert Meter von der Unterkunft entfernt. Frische Brötchen zum Frühstück waren also gesichert. Wir stellten fest, dass Hooksiel weitläufiger als nur weitläufig ist. Im Ortskern selbst gibt es eine rund zweihundert Meter lange Fußgängerzone mit Restaurants und den üblichen Touristenfallen, also so nach dem Schema echte friesische Handarbeit „Made In China“.

Einen guten halben Kilometer entfernt fanden wir dann noch einen klitzekleinen EDEKA-Ableger etwa von der Größe eines Tankstellen-Kiosks für Kleinigkeiten des täglichen Bedarfs. Der eigentliche Discounter lag rund 2,5km entfernt. Zum Strand waren es 6km – das zieht sich und zieht sich und … Theoretisch hätte man zwar auch im Siel baden können, aber die dicken, grünen Algenpakete erschienen mir dann doch für mit offenem Mund schwimmende Hardcore-Veganer geeigneter. Mit anderen Worten: Mobilität war gefragt! Deswegen entschied ich mich dafür, Fahrräder zu mieten – und zwar normale Räder, denn Ladestationen für E-Bikes waren nirgendwo zu sehen. Bei den E-Bikes mit abnehmbarem Akku ist das kein Problem. Bei denen mit fest eingebautem Akku hingegen ist es die Arschkarte. Laut Karte gab es einen Fahrradverleih. Da gingen wir hin. „Haben sie reserviert?“ Äh, nein … Aber zwei Räder standen da noch. Die nahmen wir. Und griffen voll ins Klo. Die waren nicht nur grün wie Gurken; die fuhren sich auch so!

Ich meine, das Rad von meiner Frau war fast OK – 8-Gang-Nabenschaltung (Shimano Nexus) und sechs Gänge davon funktionierten sogar! Mein Rad wies die gleiche Schaltung auf. Allerdings waren nur die Schalterstellungen „1“ und „2“ möglich und egal was man einstellte schaltete das Ding beim Fahren völlig selbständig munter mit lautstarkem „KRACKS!“ zwischen dem ersten und dem achten Gang hin und her: So eine Art von vollmechanischem Zufallsgenerator. Spaß machte das nicht wirklich, vor allem nicht bei von „1“ auf „8“ mit Gegenwind. Das bewirkte, dass wir dann doch öfter als ursprünglich beabsichtigt für Einkäufe, Strand und Watt auf das Auto zurück greifen mussten und die missbilligenden Blicke der Fußgänger sah ich zuletzt gar nicht mehr. Irgendwann im letzten Urlaubsdrittel fanden wir dann noch irgendwo in einem Wohngebiet, in dem wir uns mit den Gurken verzettelt hatten, einen weiteren Fahrradverleih. Der aber war und ist nirgendwo verzeichnet und befand sich schätzungsweise zwei Kilometer von unserer Unterkunft entfernt.

Selbstverständlich waren wir dem guten Vorsatz meiner Frau zum Trotz (O-Ton: „Im Urlaub bewege ich kein Stück!“) auch viel zu Fuß unterwegs, wobei mein Pedometer am Ende 45km auswies und mich der Urlaub – wie fast immer – ein Paar Schuhe kostete (durchgelaufen und aus dem Leim gegangen). Aber das hatte ich vorher schon mit einkalkuliert. Erwähnenswert ist vielleicht noch, dass Hooksiel über eine Trabrennbahn verfügt (ich mag Pferde – in jeder Zubereitungsform) und über ein Meerwasser-Wellenbad. Letzteres probierten wir aus, als irgendwer in der Nordsee mal wieder den Stöpsel gezogen hatte: Es lässt sich dort sehr gut schwimmen. Tidenbedingt war die Urlaubswoche vom Wattwandern geprägt und meine Gattin legte ihre Vorbehalte gegen tollwütige Strandkrabben, bissige Quallen, mordlüsterne Seesterne und beißwütige Einsiedlerkrebse ziemlich schnell ab. Die Vorbehalte gegen das Watt an sich allerdings blieben, denn sie hat einfach kein Auge für die verschiedenen Wattarten. Mit meinem Ratschlag „Folge einfach meinen Spuren!“ klappte es dann aber.

Das Schwimmen im Meer fiel auf den Tag, an dem ein Gewitter aufzog und der Wind wirklich kräftig aufgefrischt hatte: Geil! 1,5m-Wellen! Saustark! Darin macht das Schwimmen erst so richtig Spaß! Sie: „Du willst doch da wohl nicht ernsthaft rein?!?“ Ich: „Aber klar doch, logisch – und zwar schnellstens, bevor das Gewitter anfängt!“ Es war herrlich … Zugegeben, die Brandung versuchte andauernd, mir die Badehose auszuziehen. Zusätzlich ging mir da ständig so ein Lied durch den Kopf … Außer uns befand sich eigentlich nur noch eine einzige Person im Wasser und die war von der DLRG. Aber nachdem der uns zuerst intensiv skeptisch beäugte und dann zu Schluss gelangte „Die können wohl schwimmen!“ drehte er mit seinem Board ab. Die beim Schwimmen aufgenommen Bilder mögen vielleicht technisch nicht gerade perfekt sein, aber ich war auch vollauf damit beschäftigt, am Leben zu bleiben 😉 .

Zusätzlich hatte ich meiner Frau auch noch eine Kreuzfahrt versprochen. Na ja, eine KLEINE Kreuzfahrt, so mit dem Tretboot. Doch dann hatte der Bootsverleih da diese Motorboote ohne Bootsführerschein (Motor max. 15PS, max. Bootslänge 15 Meter und Geschwindigkeit max. 12 km/h). Habe ich noch nie gefahren, aber einmal ist ja bekanntlich immer das erste Mal. Es gab eine kurze Einweisung sowie den festen Auftrag, das Teil auf jeden Fall heile zurück zu bringen und unterwegs weder Surfer noch Stand-Up-Paddler zu versenken und los ging’s: Jederzeit gerne wieder! Obwohl: Wenn der Kahn ein Auto gewesen wäre, würde ich das Teil wegen defekter Lenkung in die Werkstatt bringen – so lag’s aber offensichtlich „nur“ an der Strömung. Bremsen funktioniert bei so einem Ding auch nicht (gibt kein Bremspedal). Zu allem Überfluss sind die Wasserstraßen ausnehmend miserabel beschildert: Ich hätte auf dem Rückweg beinahe die Ausfahrt verpasst – Schilder gibt’s nicht! Einmal geriet der Kahn mächtig ins Schaukeln. Da überholte uns ein Surfboard mit Außenborder. Habe ich vorher noch nie gesehen: Watt nich‘ all gifft! Reisen bildet …

Ja, und so ziemlich gegen Urlaubsende dann wollte ich auch noch einen Waldspaziergang machen. Wald gibt’s in Hooksiel auch, allerdings auf der gegenüber liegenden Seite vom Hooksmeer. Mit „Nur ein kleiner Rundgang, ein paar Schritte …“ überredete ich meine Frau, mich beim „Waldspaziergang“ zu begleiten. Ich glaube, die ahnte schon, was auf sie zukam. Aber sie kam auch mit und sie wollte nicht umkehren. Es wurde ein schöner Sonntagvormittag-Spaziergang, einmal rund um’s Hooksmeer (15km, 4 Stunden). Zum Ende des Weges hin – wir hatten da gerade am Deich die Ausstellung von vollökologischen Bio-Rasenmähern („MÄHHH„) hinter uns gelassen – verhielt sich dann allerdings doch so langsam ihr Gesicht proportional zur Länge des Weges … 😉 Hier sind mal ein Dutzend Impressionen davon. Draufklicken zur Großdarstellung in einem separaten Tab!