Im Jahr 2006 schloss ich meine Synästhesie-Trilogie mit dem Fantasy-Roman Norgast ab. Seinerzeit war die Synästhesie in den Medien noch ein Thema und Deutschland in Bezug auf die damit verbundene Forschung Weltspitze. Als fMRI-bestätigter Synästhet befand ich ich damals häufiger in der MHH und spielte das Labor-Meerschweinchen für die Forschung.

Im Nachgang, ein Jahr später, wurde ich von der Zeitschrift „Akademische Mitteilungen Amzwoelf“ um eine Auftragsarbeit gebeten, nämlich um einen Bericht über synästhetisches Erleben. Machte ich zwar, aber die AMzwoelf-Redaktion hielt es nie für notwendig, meine diesbezüglichen mehrmaligen Anfragen hinsichtlich einer Publikation zu beantworten. Ob die Geschichte überhaupt erschienen ist, ist mir nicht bekannt. D. h. ich weiß es bis heute nicht, ob die Story jemals publiziert wurde oder nicht. Bei der Geschichte mischen sich Fiktion und Realität. Die nächtliche Wattwanderung und die Feier inklusive der synästhetischen Wahrnehmungen dabei entsprechen komplett der Realität. Fiktiv ist allerdings das Zusammentreffen der beiden Ereignisse, denn die Feier als Auslöser der Wattwanderung ist frei erfunden. Ich habe die Story jetzt eher zufällig wiederentdeckt und da sie das synästhetische Erleben authentisch wiedergibt gefällt sie mir immer noch. Deswegen erscheint der Text hier (vielleicht als Wiederveröffentlichung?).
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Nachts im Watt

Es sind die letzten Oktobertage und ein zwar später, dafür aber umso herrlicherer Altweibersommer ist zu Ende gegangen. Gestern war das Meer aufgewühlt, stahlgraue Wellen unter bleigrauem Himmel, irgendwo in der Unendlichkeit des Horizonts ineinander über gehend. Eine Farbkomposition von ganz besonderem Reiz, denn einerseits ist sie optisch-ästhetisch hübsch anzuschauen, andererseits aber erinnert sie mich immer an das synästhetische Aussehen des ekligen Geruchs von Autoabgasen. Ich bin dann jedes Mal ganz hin und her gerissen – ist das nun schön oder doch nicht schön? Gegen Mittag haben sich die Wolken verzogen. Es klarte auf – wie üblich, wenn die Flut kommt. Flut war gegen fünfzehn Uhr und mit dem Wasser ging die Wärme, geleitet von einem Emil-Nolde-Himmel. Jetzt ist Ebbe.

Ein prüfender Blick nach draußen: Klar und kalt. Aber der Tag neigt sich schon rapide seinem Ende zu. Die ersten Sterne sind bereits zu sehen. Wenn ich noch raus will, dann muss ich jetzt gleich losgehen. Orientieren kann ich mich später am Leuchtturm – oder am Nebelhorn, je nachdem, je nach Temperatur und möglichem Nebel. Auf jeden Fall wird es stockdunkel werden und ich brauche eine Taschenlampe. Nicht ganz ungefährlich, aber verlockend. Verlockend vor allem für meine Sicherheit der Wahrnehmung. Ich zögere – was tun?

Von unten aus der Gaststätte dringen Geräusche zu mir nach oben. Irgend so eine Feier, bei der man sich sehen lassen muss. Das Übliche: Sechzig Leute in einem Saal. So richtig kennt man sich nicht; einige sind fremd. Aber laut. Reden um des Redens Willen. Nur hört keiner dem anderen zu – jedenfalls nicht richtig. Das wird durch sinnfreies Gelabere wieder wett gemacht: Eine Bombenstimmung! Laut. Groß! Entnervend! Einzelne, dunkelgrüne Wortfetzen mit einem Aussehen ähnlich abstrakter Hieroglyphen aufdringlich im Vordergrund, dahinter ein Einheitsbrei aus überdimensioniert aussehender, gelblich-olivfarbener Lautstärke, durchsetzt von schmutzig-weißen Bändern ohne klare Konturen. Reden ohne zu kommunizieren. Das gibt den Ausschlag. Nur weg davon! Ich greife nach meinen Gummistiefeln.

Später. Der Deich liegt schon hinter mir. Es ist kälter als ich dachte; es friert. So um die minus fünf Grad schätze ich. Es wird Nebel fallen. Am Gürtel baumelt die große Taschenlampe. Das Licht des Leuchtturms ist weithin zu sehen. Eintönige, goldbraune Stille liegt über dem Watt – „meinem“ Watt, denn hier an der Nordsee bin ich aufgewachsen und hier kenne ich mich aus. Von Ferne ist das gluckernde Rauschen der Brandung zu vernehmen. Ein Bild wie verharschte, angetaute und marmorierte Altschneedecken. Aber bis zur Wasserlinie will ich gar nicht. Das wäre Selbstmord. Das sind hin und zurück gut zehn Kilometer, dazwischen die Priele. Bei Dunkelheit viel zu gefährlich. Das Schmatzen des Wattbodens an den Stiefeln bildet braun-weißlich-fädige Strukturen, dem Aussehen von Bartalgen nicht ganz unähnlich. Ich laufe weiter, lasse die Taschenlampe aber aus. Orientiere mich nur mit den Ohren, haptisch und – natürlich! – synästhetisch. Außerdem gibt der Mond mit seinem schwachen, silbrig-bleichen Licht einem ja auch noch die Illusion von Beleuchtung.

Ich kenne genügend Leute, die solche Touren hier draußen für verrückt halten, vor allem bei Dunkelheit oder Nebel. Vielleicht ist das ja auch verrückt – aber ganz gewiss nicht verrückter als Bungee-Jumping, Rennen fahren und solche Sachen. Außerdem habe ich hier draußen noch einen Riesenvorteil. Ich brauche mich nämlich nicht zu erklären und kann meine „andere“ Wahrnehmung voll nutzen. Ein Synästhetiker wird dieses Gefühl wahrscheinlich sofort nachvollziehen können. Bei einem Nichtsynnie würde ich auch nach einem langatmigen Vortrag über das „Wieso“ und „Warum“ solcher Ausflüge nur absolutes Unverständnis bis hin zu unverhohlener Abneigung ernten. Egal! Hier bin ich allein; hier kann ich Mensch sein. Ich gehe weiter. Die braunweißen Fäden unter meinen Füßen verändern sich, werden silbriger, machen glasähnlichen Flecken Platz. Ich habe einen der Priele erreicht und bleibe stehen. Versuche, in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Vergeblich. Das Licht des Leuchtturms ist verblasst. Aha – der erwartete Nebel fällt.

Vorsichtig schiebe ich die Füße in diesen Fluss auf dem Meeresgrund. Wie tief mag der jetzt wohl noch sein? Ich schätze es auf gut zwanzig Zentimeter und ziehe einen Handschuh aus. Tauche die Hand in das eiskalte Wasser, spüre die Strömung, spüre die Kälte in Form von rotblauem, eiskaltem Schmiedefeuer in die Haut beißen. Das Wasser läuft ab. Stauwasser ist noch fern. Ich entschließe mich zur Überquerung und bin kurz danach auf der dem Strand vorgelagerten Sandbank.

Gehe weiter. Lange. Ein neues Geräusch unter den Füßen – weißliches, von schwarzen Spitzen durchsetztes Knacksen. Die Pfützen auf der Sandbank sind bereits gefroren; das Geräuschbild kommt vom zersplitternden Eis. Ich bleibe stehen. Lausche. Drückend lastet jetzt ein ungeheures Schweigen auf dieser Landschaft und selbst das Altschnee-Rauschen des ewigen Meeres scheint verstummt zu sein. Ich schaue in die Richtung, in der ich das Ufer und den Leuchtturm vermute. Aber da ist nichts mehr. Der Nebel ist dick wie Watte gefallen und verschluckt jedes Geräusch. Nur ein Ton ist noch dumpf und leise zu vernehmen – und für mich auch zu sehen: Das graue, wie ein auf die Seite gelegter Turm von aufgestapelten Untertassen aussehende Rufen des Nebelhorns. Zeit zur Rückkehr. Zeit für den Einsatz der Taschenlampe.

Ich bewege mich in Richtung des Nebelhorns und leuchte dabei auf den Wattboden. Suche etwas und finde es auch – nämlich Seetang. Der Ebbstrom hat die Büschel zur Seeseite hin gezogen und dadurch bilden die Pflanzen unverwechselbare Wegmarken. In entgegengesetzter Richtung liegen Strand und Deich. Die Pflanzen geben die Richtung vor und der liegende Untertassenstapel wird größer. Genau genommen halte ich die Augen jetzt nur noch aus Gewohnheit geöffnet. Ich könnte sie ebenso gut schließen; es würde keinen Unterschied machen – denn zu sehen ist in dieser grauweiß-dunklen Suppe ohnehin nichts mehr. Primär liegt die Aufmerksamkeit auf den Geräuschbildern. Die verändern sich wieder; erneut tauchen silbrige Flecken auf. Gut – der Priel ist schon mal erreicht. Das Wasser ist noch weiter gefallen und die Durchquerung erfolgt problemlos.

Dann dauert es nicht mehr lange. Aus silbrigen Flecken werden wieder braunweiße Fäden und auch der Untertassenstapel wird immer größer, sprich die Lautstärke des Nebelhorns nimmt kontinuierlich zu. Der Strand ist erreicht; der Deich wird überschritten. Das Festland hat mich wieder. Hinter dem Deich noch eine kurze Orientierungspause, um festzustellen, wo ich denn nun eigentlich heraus gekommen bin. Rechts von mir befindet sich der Tonnenhof – gut, dann sind noch rund zwei Kilometer Fußmarsch angesagt. Schon von Weitem kann ich das Lärmen aus der Gaststätte vernehmen. U- und Ellipsen-förmige Hieroglyphen, jetzt noch aufdringlicher als beim Aufbruch. Furchtbar! Vielleicht hätte ich doch im Watt bleiben sollen?
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Abschließend noch ein kleiner Hinweis für alle diejenigen, die von einer (manchmal lästigen) Gabe namens Synästhesie noch nie etwas gehört haben: Z. Zt. differenziert man zwischen 75 verschiedenen Formen von Synästhesie. Synästhesie ist – bedingt durch in unüblicher Weise verschaltete Synapsen im Gehirn – eine qualitativ andere Form der Wahrnehmung, ebenso natürlich und urnormal wie rote Haare oder grüne Augen. Bloß eben seltener, wobei alles auf genetische Ursachen hinweist. Wer diesbezüglich nach qualifizierten Angaben sucht wird bspw. bei der Deutschen Synästhesie-Gesellschaft e.V., bei der American Synesthesia Association oder bei Sean A. Day fündig. Dort lassen sich wissenschaftlich fundierte Informationen sammeln, die weit über den kurzen Abstract bei Wikipedia hinaus gehen. Daneben gibt es aber zum Austausch auch noch ein paar Facebook-Gruppen, die sich mit der Thematik befassen.