„Menschen machen Fehler – aber wenn man so richtig Mist bauen will braucht man einen Computer.“
(Noch nicht ganz so alte Volksweisheit.)

Ihr kennt den Google-Sprachassistenten. Oder Alexa, Siri, Cortana usw. Ihr kennt das Navi im Auto – manche schwören darauf, andere hassen es. In allen Fällen handelt es sich um Computerprogramme, die Algorithmen folgen und die selbständig nach ganz speziellen Problemlösungen suchen. Dahinter stecken schwache KIs – künstliche Intelligenzen – oder, auf Englisch, AIs (für Artificial Intelligence). AIs erleben z. Zt. einen regelrechten Hype. Zugegeben, manchmal sind die von ihnen entwickelten Lösungen auch bemerkenswert und wenn man ehrlich ist muss man konstatieren: „So gut hätte ich das nicht hinbekommen!“ Oftmals allerdings ist das, was eine KI produziert, auch Murks hoch Drei. Bspw. wenn mein Navi mich die fünf Kilometer von Lauenau nach Rodenberg über die A2 mit ihrem Dauerstau schicken will. Das sind dann die Momente, in denen ich mich frage, ob es nicht ein Fehler meiner Vorfahren gewesen ist, jemals die Meere zu verlassen. Ein Leben mit Sprachassistenten brauche ich ganz bestimmt nicht! Die Domäne der KIs sind jedoch Videogames und die spiele ich nicht, so dass ich mir darüber auch kein Urteil erlauben kann.

Ihr merkt sicherlich bereits, dass ich dem AI-Hype ziemlich kritisch gegenüber stehe. Ich lehne das nicht grundsätzlich ab, zumal KI-Anwendungen ja auch bereits Eingang in den Alltag gefunden haben. Ich vermag mich aber auch der vielgepriesenen Euphorie von wegen „Mit KI geht alles besser!“ beim besten Willen nicht anzuschließen. Also: Was kann öffentlich zugängliche KI heute schon? Um diese Frage zu beantworten bemüht man das Internet und die Suchmaschine seines Vertrauens. Da gibt es KIs, die Musik komponieren. Das sind sehr spezielle Anwendungen. Aber … – irgendwie ist es das noch nicht! Das ist Einheitsbrei! Klar, das klingt irgendwie wie die Beatles oder wie Chopin oder wie Elvis, aber nicht wirklich echt. Da fehlt mir die individuelle Note! Als anspruchslose Hintergrundmusik in einer Lounge, im Fahrstuhl, Kaufhaus usw. eignet sich dieser Einheitsbrei aber bereits heute.

Auch die Medizin setzt auf KI. Sehr positiv ist mir dabei ein Klasse-1-Medizinprodukt aufgefallen, nämlich Symptoma. Von dieser AI – einem Diagnosehilfsmittel für Ärzte – ist eine für jedermann zugängliche, abgespeckte und kostenlose Version im Web verfügbar. Der Zugang zur Vollversion ist allerdings reglementiert und mit nicht unerheblichen Kosten verbunden. Immerhin beweist Symptoma, dass es auch heute schon wirklich gute und sinnvoll verwendbare KIs gibt. Eine weitere wirklich gute, sinnvoll nutzbare und kostenlose KI befasst sich mit der Soundbearbeitung. Die nennt sich Audiostrip und trennt bei einem Song Gesang und Instrumentals ziemlich gut, jedenfalls haben mich die Ergebnisse meiner Versuche echt überrascht.


Zwei KI-generierte imaginäre (d. h. nicht existente) Personen: Links eine Chimäre aus meiner Tochter im Alter von zwei Jahren und der Schauspielerin Alana De La Garza, rechts eine Chimäre aus mir und Albert Einstein. In beiden Fällen war das Ausgangsmaterial NICHT ideal aufeinander abgestimmt.

Aktuell gilt AI in der Fotografie als das Zauberwort schlechthin. Hm, na ja … Wenn ich mir so die Ergebnisse von Image Colorizer, AI Picture Colorizer oder Colorize Photos anschaue – alle drei KIs kolorieren SW-Fotos – dann sind die zwar nicht ganz schlecht, aber immer noch recht dürftig. Auch Microsoft forscht auf diesem Sektor und ist dabei – man höre und staune! – doch wesentlich auskunftsfreudiger als diverse Mitbewerber, obgleich noch kein vorzeigbares Produkt zur Verfügung steht. Aber was nicht ist kann ja noch werden. Mit Remove.bg findet sich immerhin schonmal ein Freistellungstool der Spitzenklasse im Web – in kleiner Auflösung von 577*433px mit 50 Bildern monatlich kostenlos und wer mehr will wird eben zur Kasse gebeten.


Noch zwei KI-generierte imaginäre Personen: Links eine Chimäre aus Jessica Alba und Marylin Monroe, rechts eine Chimäre aus Natalie Portman und Keira Knightley. Hier war das Ausgangsmaterial ideal aufeinander abgestimmt.

Ein recht ähnliches Geschäftsmodell findet man auch bei bei Morphing-KIs wie 3Dthis, MorphThing oder FaceMorph, die aus zwei Potraits menschlicher Gesichter ein neues Phantasie-Gesicht erzeugen – mal mehr und mal weniger realistisch sowie hinsichtlich der Qualität stark abhängig vom Ausgangsmaterial. Kostenlos hat man da nur einen Screenshot oder einen Download im Bereich von rund 500*500px. Die KI von NeuroFlash (Account erforderlich) generiert aus ein paar eingegebenen Wörtern ganze Textpassagen mit 2.000 Wörtern/Monat kostenlos (das sind im Plain-Text-Format ca. 10 Seiten DIN A4). Auch in allen diesen Fällen gilt: Wer mehr will muss zahlen.

Beeindruckend sind die KI-Anwendungen von TopazLabs und dazu kann ich nur sagen: So gut bekomme ich das manuell nicht hin! Hier wird allerdings gleich von vornherein Bezahlung verlangt; andernfalls ist man außen vor. Einerseits ist das verständlich: KI-Entwicklung, KI-Training und die beträchtliche IT-Infrastruktur (z. B. Datenbanken), die hinter einer KI stehen, müssen sich irgendwie auszahlen.

Andererseits sehe ich dabei eine Gefahr für die Anwender, denn dadurch werden AI-Anwendungen nur für eine zahlungskräftige Klientel verfügbar. Das mag eine Chance sein, allerdings nicht für Otto Normalverbraucher. Möglicherweise wird es auf folgende Situation hinauslaufen: Bestimmte Features kann man von Fall zu Fall gegen Bares oder per Abo erwerben. Software wird es nur noch als Basis-Software geben und was darüber hinaus geht kostet eben extra. Im Beispiel: Man hat ein Bildbearbeitungsprogramm mit etlichen Grundfunktionen. Wenn man aber einen Ausschnitt hochskalieren und schärfen will, dann ist das eine kostenpflichtige Zusatzfunktion. Dieses Beispiel lässt sich beliebig auf andere Gebiete übertragen.


Eine AI-generierte Fantasielandschaft.

Bleiben wir noch einen Augenblick lang bei den AIs aus dem Bereich der Fotografie. Solche AIs sind heute schon dazu in der Lage, „Fotos“ von Landschaften zu generieren, die ästhetischer als jedes Original sind. Allerdings wirken derartige „Aufnahmen“ bei näherer Betrachtung nicht selten zu schön um wahr zu sein u. d. h. unrealistisch. Im obigen Beispiel sind das die quasi aus dem Nichts entspringenden Wasserfälle. Ich erwarte, dass derartige „Aufnahmen“ in gar nicht mal allzu ferner Zukunft durchaus in Reiseprospekten o. ä. auftauchen könnten. Und hier zeigt sich dann ein ganz großes Problem: Was ist echt und was ist Fake? Man wird es nicht mehr unterscheiden können – es sei denn, die Fakes werden mit einem „KI“-Logo und die echten Bilder mit einem „Human“-Logo gekennzeichnet. Doch was ist mit durch AI abgeänderten Originalaufnahmen? Wo fängt die Bildmanipulation an? Eine strenge Grenze lässt sich da kaum ziehen, schon heute nicht mehr.

Ein ganz anderes Problem tritt noch auf, wenn eine KI mit ihren durchaus glaubhaften Ergebnissen ziemlich daneben liegen sollte. Nehmen wir als Beispiel mal die sehr gute und sehr ausgereifte Topaz Gigapixel AI. Angenommen, ich mache Space Photography. Angenommen, ich stacke die Bilder nicht, sondern lasse verpixelte Aufnahmen durch eine KI wie o. e. durch Hochrechnung verbessern. Aufgrund von irgendeiner Störung (Staubkorn auf dem Objektiv, Schmutz auf dem Sensor, Bildfehler, Meteorit vor dem Motiv usw.) kommt dabei ein unerwartetes Objekt zum Vorschein. An die richtige Stelle gesandt kann es durchaus sein, dass dieses real gar nicht existente Objekt – dieses Artefakt – eine völlig sinnlose, milliardenschwere Forschung nach sich zieht. Daraus folgt: KIs können nützlich sein, doch bei ihren Resultaten ist immer Kritik und Vorsicht angebracht! Was aber voraus setzt, dass man das KI-Produkt auch als solches erkennt (Stichwort Logo, vgl. oben).


Ein echtes Foto, zusammengesetzt als Stack aus einem Dutzend an manuell angefertigten Einzelaufnahmen. Ungenauigkeiten werden dabei zwar herausgerechnet, aber das ist mit einem gewissen Aufwand verbunden. Mit einer KI wäre es einfacher: Man nimmt ein einziges, nicht ideales Bild und lässt das dann verbessern. Nur: Ist der anschließend deutlich sichtbare Berg oder Krater nun echt oder Fake? Wieviel Geld setzt man in den Sand, wenn jemand dort hin reist und nachsehen muss?

Lassen wir den Fotobereich, der derzeit massiv von AIs erobert wird einmal hinter uns: Was steht uns diesbezüglich noch ins Haus? Da Sprachassistenten und Navis bereits breiten Eingang in den Alltag gefunden haben, dürften „intelligentere“ Geräte (bspw. Gebrauchs- und Unterhaltungselektronik, aber auch Haushaltsgeräte) der nächste logische Schritt sein, so in die Richtung von „Thermomix³“ oder „Google Pixel“ für den Billigmarkt. AI-betriebene Überwachungskameras (mit Gesichts- und Waffenerkennung) existieren bereits und warten nur auf einen breiten Einsatz.

In der Medizin unterstützen KIs über die Mustererkennung heute schon die Diagnose, indem sie das herausfiltern, was dem menschlichen Arzt entgeht und diese Art des Einsatzes wird sich garantiert noch ausweiten – allerdings ist auch dabei das o. e. Artefaktproblem nicht auszuschließen. In der Pharmazie können KIs durchaus dazu eingesetzt werden, aussichtsreiche Kandidaten für die Medikamente-Neuentwicklung aufzufinden. Und umgekehrt: Mit KIs lassen sich Kampfstoffe entwickeln, was für das Militär von Interesse ist. Mit Hinblick auf NeuroFlash könnte es auch gut sein, dass Journalisten so nach und nach ersetzt werden – Maschinen gehorchen nämlich immer!

Ferner gehe ich davon aus, dass KIs in Form von Chat-Bots in durchaus absehbarer Zeit die Sprachcomputer ablösen werden und, ganz ehrlich, ich bin nicht böse drum, wenn ich mir den Mist a la „Wenn sie einen Mord beobachtet haben drücken Sie die Eins! Wenn Sie selbst ermordet worden sind drücken Sie die Zwei! Wenn der Sprachcomputer Sie nervt dann schmeißen Sie das Telefon aus dem Fenster!“ nicht mehr antun muss. Es könnte, so denn die Hardware leistungsfähig genug ist, geradezu zu einer Revolution auf dem Video-Sektor kommen, indem man Filme maximal komprimiert sowie nur noch sehr grob auflösend abspeichert und dann die im TV verbaute AI nach dem o. e. Schema von Topaz Gigapixel AI das Video in Echtzeit in beste Qualität verwandelt.

AIs werden aber nicht nur von Vorteil sein. Es ist bereits heute absehbar, dass die in einigen Jahren zunehmend Routine-Verwaltungstätigkeiten übernehmen werden; mancher, der heute in einer Verwaltung tätig ist, trainiert garantiert schon – möglicherweise unwissend – den Roboter, der ihn einmal ersetzen wird. Schon 2018 prognostizierte McKinsey für diesen Bereich ein (Zitat) „Größeres Potenzial als die Dampfmaschine“. Die meisten Verwaltungsjobs werden daher verschwinden – in der Wirtschaft schneller als im Bereich des Öffentlichen Dienstes – und das führt dann wieder zu Millionen von Arbeitslosen, die nach einer gewissen Zeit gemäß den aktuellen gesetzlichen Regelungen automatisch unqualifiziert, arbeitscheu und Sozialschmarotzer sind.

Dann wird es auch niemanden mehr geben, der die Entscheidung einer KI in Zweifel ziehen kann: Die Gesellschaft wird unmenschlicher. Wollen wir das wirklich? KIs sind Chance und Risiko zugleich. Wenn wir in gar nicht mal allzu ferner Zukunft ihre Chancen nutzen, dann sollte da immer die Frage im Hinterkopf stehen: Ist das wirklich das Gelbe vom Ei? Oder wurde da Menschlichkeit dem Kommerz geopfert? Denn ein unkritischer Umgang mit KIs … – wird uns garantiert in die Unmündigkeit und in die Abhängigkeit von Maschinen treiben!

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