Wegen meines letzten Beitrages erreichten mich per Kontaktformular ein paar Anfragen, die sich auf mein vor knapp einem Jahrzehnt erschienenes Buch „Abgestrampelt“ bezogen, und zwar speziell auf meine frühere Tätigkeit als Zusteller. Ich habe mich daher entschlossen, die betreffende Geschichte hier mal als Leseprobe zu veröffentlichen. Bitte beachten: Besagte Tätigkeit liegt jetzt 15 Jahre zurück. Ob es sich heute noch so wie damals verhält vermag ich nicht zu beurteilen.


2007: Als Zusteller unterwegs

Das Zustellmonopol der Deutschen Post war gefallen und die verschiedenen Zustellunternehmen wie die Pilze aus dem Boden geschossen. Per Flüsterpropaganda hörte ich davon, dass eines dieser Unternehmen Zusteller suchte. Nun ist das Zustellen von Postsendungen für jemanden, der u. a. auf zwei Technikerabschlüsse und auf Jahrzehnte an überaus erfolgreicher Tätigkeit im Bereich Forschung und Entwicklung zurück blicken kann, nicht unbedingt intellektuell befriedigend, doch ich wollte arbeiten. Ich bewarb mich bei dem Zustellunternehmen, allerdings ohne viel Hoffnung. Denn wahrscheinlich würde man mich – wieder einmal! – für überqualifiziert halten und daher ablehnen. Umso erstaunter war ich über die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch!

Ich fuhr hin und fand mich in einer illustren Runde von einem Dutzend Personen wieder. Nur war ich an diesem Tag der einzige Bewerber; dem Dutzend oblag es, eine Entscheidung hinsichtlich meiner Befähigung zu fällen: Zwölf Häuptlinge entscheiden über einen Indianer, der für sie die Arbeit machen soll. Mich beschlich der Gedanke an einen doch geringfügig zu sehr aufgeblähten Verwaltungs-Wasserkopf … Oder, anders ausgedrückt: Wenn einer soviel arbeiten muss, dass die anderen Zwölf auch davon leben können, wieviel bleibt für den einen dann unter dem Strich noch übrig? Es stellte sich raus, dass es sich nicht um einen Minijob, sondern vielmehr um ein SV-pflichtiges Arbeitsverhältnis handelte. Gearbeitet werden musste offiziell in einer 7,5-Stunden-6-Tage-Schicht (ohne Pausen, was gesetzeswidrig war) und die Bezahlung setzte sich aus einem doch eher kargen Grundlohn und einer Leistungsprämie, deren Höhe von der Menge an zugestellten Sendungen abhing, zusammen. Ich konnte daher niemals im voraus sagen, wieviel Geld ich am Monatsende erhalten würde. Eine überschlägige Rechnung meinerseits ergab rund 1.100 Euro brutto monatlich oder 6,11 Euro stündlich – also noch weniger, als andere Leute in einem Büro-Halbtagsjob verdienen. Dennoch sagte ich zu. Mein ältestes Kind besuchte zu der Zeit ein Gymnasium und die damit einher gehenden Kosten mussten ja irgendwie aufgefangen werden.

Es wurde vereinbart, dass ich zunächst einen kompletten Tag an kostenloser Probearbeit ableisten müsse; erst danach würde man eine endgültige Entscheidung fällen können. Weil erfahrungsgemäß sehr viele Kandidaten schon nach einer Stunde das Handtuch werfen würden, denn es würde sich (O-Ton) „um Knochenarbeit“ handeln. Das machte mich sehr nachdenklich, doch zum „Warum“ wollte sich keiner aus der erlauchten Runde äußern. Ich hatte eine Verzichts-erklärung hinsichtlich Lohn und Versicherungsschutz für diesen Probetag zu unterzeichnen. Hätte ich das verweigert, dann wäre es nicht zur Probearbeit und in Folge auch nicht zu einem Job gekommen. Wir leben ja schließlich in Deutschland und da muss alles rechtlich abgesegnet seine Ordnung haben, nicht wahr?

Der Tag an kostenloser Probearbeit fiel in die zweite Novemberwoche. Entsprechend bescheiden war das Wetter: Dauerregen und Sturm. Es schüttete wie aus Eimern. Als ich um kurz vor halb acht Uhr morgens – um halb acht sollte ich anfangen – im Zustellstützpunkt vorstellig wurde, da war ich trotz Regenjacke schon alleine aufgrund des Weges vom Auto zum Gebäude hin patschnass geworden. Aber egal, man nimmt ja vieles in Kauf, wenn man arbeiten will.

Man erwartete mich bereits, als einen von drei Probearbeitern. Die anderen Beiden trafen kurz nach mir ein. Mein künftiger Kollege nannte sich Lothar und informierte mich dahingehend, dass er die Sendungen schon mal ins Auto gepackt hätte. Wir könnten also gleich losfahren. Was mich überraschte war die emsige Geschäftigkeit im Zustellstützpunkt. Hektik und Gewusel, wohin man auch blickte. Und das noch vor Dienstbeginn! Warum das so war, sollte ich aber erst später erfahren. Jedenfalls fuhren wir los, mit einem Mercedes-Benz Sprinter. Der Transporter – leicht umgebaut, denn ein Sitz fehlte (der hatte den zuzustellenden Sendungen weichen müssen) – enthielt Poststücke bis unter’s Dach. Vor allem Werbung, aber auch jede Menge an Brief- und Paketpost. Vollgestopft bis zum Geht-nicht-mehr. Kein Anschnallen während der Fahrt und kein Sichern der Ladung. Weil alles immer schnell gehen musste und man permanent aus dem Auto raus bzw. ins Auto rein zu klettern hatte.

Lothar stempelte (seltsam – warum, hatte er nicht zuvor schon gearbeitet?) und wir bestiegen das Auto. Los ging’s. Er informierte mich dahingehend, dass wir die zweitlängste Tour fahren würden und ich sie mir gut einzuprägen hätte. Im Falle einer Einstellung würde ich die nämlich von heute auf morgen alleine machen müssen. Auch auf die Eigenheiten des Autos (hakelige Kupplung, abgefahrene Bremsen, ein durchgebrannter Scheinwerfer – technisch also nicht in Ordnung) sollte ich Acht geben. Die neuen Informationen prasselten nur so auf mich ein. Welche Straßen in welcher Ortschaft in welcher Reihenfolge und in welchem Zeitfenster anzufahren waren. In welcher Reihenfolge Briefe und Pakete ausgeliefert werden mussten, denn es existierten etliche Ausnahme-fälle, bei denen Unternehmen bevorzugt beliefert wurden. Bei welchem Unternehmen eine Toilette im Eingangsbereich zu finden war, falls man sich mal erleichtern müsse. Das die Werbung in jedem einzelnen Haushalt abzuliefern sei; die Werbetreibenden würden das stichprobenartig durch Anrufe in den Haushalten kontrollieren. Und so weiter und so weiter. Mir schwirrte der Kopf!

Schließlich setzte Lothar mich bei strömendem Regen an irgendeiner Straße in irgendeinem Kaff mit einem Riesenpacken an Briefpost und einem noch größeren Packen an Werbung ab und meinte nur: „Verteil das mal. Ich fahre in die Parallelstraße. Da findest du mich dann, wenn du fertig bist. Und pass auf die Hunde auf. Einige Leute hier haben welche; ziemliche Mistviecher. Bissig. Bis dann!“ Ich verteilte. Nach zehn Minuten hatte ich keinen trockenen Faden mehr am Leib. Selbst die Regenjacke war komplett durchgeweicht. Irgendwann war ich den ganzen Mist losgeworden – der vom Briefkasten wahrscheinlich direkt in den Papierkorb wanderte – und fand in der Parallelstraße das Auto mit Lothar wieder. Seelenruhig kaute der an seiner Stulle und meinte nur: „Du hast lange gebraucht. Musst noch ’ne ganze Ecke schneller werden.“ Darauf ich: „Sag bloß, du bist deinen ganzen Plunder schon losgeworden?!?“ „Klar.“ „Und warum bist du dann nicht durchgeweicht?“ „Ich? Ich kenne die richtigen Standorte. Die mit den Containern. Oder wo man im Sommer ganz unauffällig ein Feuerchen anzünden kann. Merk dir mal eins: Ein richtiger Zusteller ist niemals ohne Hundeleckerlies und ohne Feuerzeug unterwegs.“

Ich sah ihn verständnislos an. Er grinste: „Eigentlich dürftest du das gar nicht wissen. Aber weil du nicht gleich alles hingeschmissen hast, will ich dir sagen, wie’s läuft. Ganz zu Anfang, da gab’s noch Prospektverteiler. Dann kam irgendwer ganz weit oben auf die Idee, dass die Prospektverteiler und wir Zusteller ja annähernd die gleiche Tour machen müssen. Also wurden die Prospektverteiler eingespart und uns das zusätzlich noch mit aufgedrückt. Mehr Geld gab’s dafür natürlich nicht.“ So langsam verstand ich die Sache – was zuviel war, das wurde weggeschmissen oder abgefackelt. Ich fragte: „Wie läuft das denn überhaupt mit den Touren? Ich meine, wie viele Sendungen müssen so pro Tag verteilt werden?“ „Kommt drauf an.“ „Worauf?“ „Welchen Wochentag wir haben. Ob’s vor Weihnachten oder in den Sommerferien ist. Ganz unterschiedlich. Montags und in den Sommerferien kannst du ’nen lauen Lenz schieben. Dafür überschlägst du dich vor Weihnachten und vor Ostern. In der Woche ist Freitags immer am schlimmsten.“ Meine unbezahlte Probearbeit war auf einen Freitag gefallen. Zufall oder Kalkül bzw. Ausbeutung?

„Dann kannst du mir also nicht sagen, wie groß das Aufkommen ist?“ „Nee – bestenfalls schätzen. So um die zweieinhalb- bis dreitausend Poststücke täglich.“ „Hmmm… – wie sollen wir wir das denn bis drei Uhr heute Nachmittag schaffen?“ „Wie kommst’n darauf?“ „Weil die in der Zentrale mir was von ’nem 7,5-Stunden-Tag erzählt haben.“ Er fing an zu lachen, verschluckte sich an seinem Brot, bekam einen Hustenanfall und rang nach Luft. Schließlich fragte Lothar: „Wer hat dir denn das Märchen aufgebunden?“ „Euer Personalchef.“ „Hör zu – der spinnt. Der kriegt seinen Arsch nie aus seinem Büro raus und hat überhaupt keine Ahnung davon, was hier draußen abgeht. Wir können von Glück sagen, wenn wir die Tour bis halb fünf erledigt haben. Danach kommt noch ungefähr ’ne Stunde an Papierkrieg.“ „Was für ein Papierkrieg?“ „Das erkläre ich dir dann, wenn es soweit ist.“ „OK – und wo finde ich Container?“ Lothar grinste ganz breit: „Betriebsgeheimnis!“ Ich bekam den nächsten Packen mit Sendungen und verteilte. Und den nächsten Packen und …

Nachmittags gegen fünf Uhr (wir hatten auf der Rückfahrt das Auto noch vollgetankt) waren wir dann zurück im Stützpunkt. Lothar stempelte wieder. Ich fror – die nasse Kälte meiner Kleidung forderte ihren Tribut – und spürte meine Füße kaum noch. Außerdem machten sich aufgrund des ständigen Ein- und Aussteigens meine Menisken jetzt schon bemerkbar. Besonders gesundheitsfördernd war dieser Job garantiert nicht! Zudem bemerkte ich sehr wohl, dass ich keine Pause gehabt hatte. Ich war jetzt neuneinhalb Stunden lang ständig im Einsatz gewesen. Mir fielen vor Erschöpfung beinahe die Augen zu. Jetzt also noch der Papierkrieg. Der zog sich gut eine weitere Stunde hin. Er bestand im Auslesen der Handscanner, im Ausfüllen von diversen Formularen – darunter Lothars Stundenzettel, denn ich als Probearbeiter hatte ja noch keinen – dem Ausfüllen von Zähllisten für die Leistungsprämie bzg. der zugestellten Sendungen und der Übermittlung der Tourdaten an die Zentrale. Wozu letzteres gut sein sollte, fragte ich Lothar.

„Ist ganz einfach. Mit so einem großen Auto kannst du viel transportieren. Vor allem privat. Das haben ein paar Kollegen unter der Hand gemacht. Als die Geschichte aufgeflogen ist, da haben die ganz oben sofort reagiert. Seitdem werden von jedem Fahrzeug die gefahrenen Kilometer und der Spritverbrauch erfasst. Jeder Umweg fällt sofort auf und dann gibt’s Zoff. Zuviel Diesel wird dir direkt vom Lohn abgezogen.“ „Und wenn ihr mal ’ne Baustelle umfahren müsst oder sowas?“ „Dann schickt unser hiesiger Chef eine Meldung an die Zentrale. Der ist ganz OK; der steht hinter uns. So, und jetzt steh hier nicht rum, wir werden nämlich von der Zentrale aus heimlich per Video überwacht. Es fällt auf, wenn einer sich nicht groß bewegt. Mach schon mal den Steckplatz sauber!“

„Steckplatz?“ „Ach ja, den kennst du ja auch noch nicht. Zeige ich dir.“ Lothar zeigte mir den Steckplatz: Eine Ecke, in der sich etagenweise übereinander hunderte kleiner Drahtgestelle befanden. Darunter klebten die Straßennamen. Jedes Fach stand für einen Haushalt. „Hier sortieren wir morgens die Sendungen ein, Haushalt für Haushalt, damit die in der richtigen Reihenfolge sind. Wenn das erledigt ist, dann wird ‚gezogen‘. Bedeutet: Von Anfang bis Ende packen wir das sortierte Zeug in der richtigen Reihenfolge in die Kisten, die wir unterwegs mitnehmen. Das sind die ‚Schwingen'“. „Aha“, meinte ich nur und begann damit, den Platz mit Handfeger und Kehrblech zu reinigen. Drecksarbeit, schwarzes Papiermehl. Irgendwann war Lothar mit den Schreibarbeiten fertig und verkündete lautstark: „Feierabend!“ „Und was wird aus mir?“ „Keine Ahnung. Das entscheiden die in der Zentrale. Irgendwann hörst du was von denen. Deine beiden Kollegen von heute Morgen haben übrigens hin-geschmissen, hat der Chef geschrieben.“ Damit war ich von der Probearbeit entlassen, begab mich zu meinem Auto und fuhr mit durchaus gemischten Gefühlen zurück nach Hause. Was mir durch den Kopf ging: Zu Zweit hatten wir für die Tour und die Nacharbeiten knapp elf Stunden benötigt, die Vorarbeiten am Steckplatz nicht mal mitgerechnet. Wie sollte einer alleine – ich! – das dann in 7,5 Stunden schaffen?

Es verging eine volle Woche an quälender Ungewissheit: Nehmen die mich oder nehmen die mich nicht? Als ich schon nicht mehr damit rechnete, erhielt ich einen Anruf, in dessen Verlauf mir mitgeteilt wurde, dass ich kurzfristig in der Zentrale zu erscheinen hätte. Also ins Auto geschwungen und die fünfzig Kilometer dorthin gefahren. Nun empfingen mich bloß noch drei Häuptlinge. Ich hätte mich am Tag der Probearbeit ja ganz gut geschlagen usw. bla-bla-bla. Deswegen wollte man großzügigerweise mal über meine Überqualifikation und über meine nun doch schon recht lange andauernde Arbeitslosigkeit hinweg sehen. Man händigte mir einen dicken Stapel Papier aus – den Arbeitsvertrag. Der umfasste gut fünfzig Seiten, auf denen mir außer Leben und Atmen so ziemlich alles verboten wurde. Da hatten sich wohl schon Generationen von Anwälten dran ausgetobt. Offensichtlich war dabei nur eine einzige Sache: Dieses Unternehmen fürchtete nach außen dringende Information wohl mehr als der Teufel das Weihwasser.

Ich wollte schon unterschreiben – den ganzen rechtlichen Mist verstand ohnehin keiner, der nicht selbst Jura studiert hatte – als mein Blick auf die Dauer des Beschäftigungsverhältnisses fiel. Da war nämlich von einer Woche die Rede! „Haben Sie sich da verschrieben?“, fragte ich. „Nein, nein, das ist so schon korrekt. Das passt schon. Wenn wir nach der einen Woche mit Ihnen noch zufrieden sind, dann verlängern wir um eine weitere Woche. Und so weiter, bis wir Sie nicht mehr brauchen. Und die Einweisung für die jeweiligen Fahrzeuge erhalten Sie vom Vorgesetzten vor Ort.“ Ich war baff. Das hatte doch was von einer Beschäftigung als Tagelöhner! Der Hintergrund so eines Beschäftigungsverhältnisses schien mir offensichtlich zu sein. Denn zwischen den Zeilen gelesen bedeutete das nichts anderes als: „Wenn Sie nicht alles uneingeschränkt mit sich machen lassen, dann sind Sie draußen!“ Ein Fehlverhalten würde lt. Vertrag mit sofortiger, fristloser Kündigung geahndet werden. Bei einem Wochenvertrag? Ein Lacher! Dieses Unternehmen musste seine Mitarbeiter doch für selten dämlich halten! Oder für beliebig austauschbare Sklaven …

Reichlich ernüchtert unterschrieb ich das nutzlose Pamphlet und erhielt die Anweisung, mich zwei Tage später morgens um halb acht im mir schon bekannten Zustellstützpunkt zur Arbeit zu melden. Man drückte mir ein gebundenes Hochglanzbuch – „Die Pflichten eines Zustellers“ oder so ähnlich – in die Hand mit dem Hinweis, mir das schnellstmöglich durchzulesen. Zuletzt musste ich mir noch Arbeits-kleidung aussuchen. Die lagerte – getragen und ungereinigt – in einem schmutzigen Kellerraum, dem eigentlich bloß noch das Schild „Vorsicht, bissige Spinnen“ vorne an der Tür fehlte. Shorts gab es reichlich. Doch wir schrieben November! Letztlich nahm ich bloß eine Jacke mit (keine Regenjacke) und das Dreckding musste zuhause erst einmal die Waschmaschine passieren.

Ein Wochenende lag vor mir. Eines, an dem ich mir „Die Pflichten eines Zustellers“ angetan habe. Das Hochglanzbuch umfasste gut zweihundert Seiten und vermittelte den Eindruck, als habe eine Werbeagentur sich daran eine goldene Nase verdient. Mit den am Tag der Probearbeit gemachten Erfahrungen hatte dieses Machwerk jedenfalls absolut gar nichts zu tun. Vielmehr wurde das Unternehmen in den leuchtendsten Farben dargestellt und in den höchsten Tönen gepriesen. Auf mindestens jeder zweiten Seite gab es direkte oder indirekte Hinweise dahingehend, wie freundlich und kundenorientiert sich jeder Arbeitnehmer zu verhalten hatte und dass niemals irgendwelche Interna nach außen dringen dürften. Letztlich beinhaltete dieser Schinken unter dem Strich nur viel heiße Luft und bei jeder sich bietenden Gelegenheit Maulkörbe für den Arbeitnehmer, aber alles wunderschön euphemistisch verbrämt.

Zwei Tage später – ein Montag Morgen, kurz vor Sieben. Ich stand frühzeitig auf der Matte, obgleich mein Dienst erst in einer guten halben Stunde beginnen sollte. Vom Arbeitsvertrag hatte ich zwei Seiten kopiert und eingesteckt. Da stand drauf, wo ich mich zu melden hatte und von wann bis wann ich arbeiten sollte. Wolfgang – mein neuer Chef – machte mich auch prompt an: „Wieso kommst’n erst so spät?“ „Wieso spät? Dienstbeginn ist doch erst in einer halben Stunde.“ „Wer sagt das denn?“ „Euer Personalchef. Hier!“ Ich überreichte ihm die Kopien vom Arbeitsvertrag. Umständlich setzte Wolfgang seine Brille auf und überflog die beiden Seiten. Dann: „Komm mal mit!“ Wir begaben uns in den Aufenthaltsraum, der zugleich sein Büro und so eine Art von Abstellkammer war: Ein paar Billigtische mit Billigstühlen, Fax, Telefon, Kopierer. Zettel und Aushänge an der Wand, auf denen zu lesen stand, wie man sich verhalten sollte, wenn aus irgendwelchen Briefsendungen verdächtiges weißes Pulver rausrieselt. Dazu eine gebrauchte, verschmutzte Einweg-Malermaske als Atemschutz gegen Mikroorganismen. Der ganze Raum sah aus wie vom Sperrmüll und noch nachträglich reichlich verwohnt.

Wir setzten uns und Wolfgang gab mir die Kopien zurück. „Pass auf“, meinte er, „ich erkläre dir jetzt mal, wie das hier abläuft. Wenn du danach wieder nach Hause fahren willst, dann kann ich das verstehen.“ Ich nickte und entgegnete: „Dann leg mal los.“ Darauf er: „Morgens zwischen Fünf und Sechs kommen die LKWs. Die Speditionen fahren für jeden. Außer den Poststücken haben die auch noch jede Menge an anderer Ladung. Manchmal Maschinenteile, meistens aber Möbel. Je nach Tour stehen unsere Paletten mal vorne. Das ist gut, denn dann brauchen wir die bloß aus dem Auflieger rauszuziehen. In ungefähr der Hälfte der Fälle stehen die Paletten aber hinten. Dann müssen wir das Zeug, das vorne steht, erstmal entladen, um an unsere Paletten ran zu kommen. Muss hinterher natürlich auch wieder aufgeladen werden. Früher gab’s dafür extra ’ne Schicht von Leuten. Aber die ist eingespart worden. Alles kapiert?“

Ich nickte. „Gut, weiter. Danach sortieren wir das Zeug. Erstmal grob nach Touren. Das wandert alles in Fächer bzw. die Pakete auf Touren-paletten und jede Tour hat mehrere Fächer und mehrere Paletten. Deine Aufgabe – außer dem Be- und Entladen – besteht darin, die Fächer immer schnellstmöglich leer zu räumen und alles am Steckplatz einzusortieren. Und zwar so schnell wie möglich, bevor die Fächer überquellen. Wenn alles sortiert ist, dann wird ‚gezogen‘ – hat Lothar dir erklärt, was damit gemeint ist?“ „Ja, hat er.“ „Gut. Einsortieren in die Schwingen und in Windeseile ab damit ins Auto. Pakete werden nach Packplan im Auto gestapelt, damit alles ohne Umräumen erreichbar ist. Für jeden Wagen gibt’s einen Packplan.“ „Wo finde ich den?“ „Der sollte immer hinten im Bereich der Ladefläche an der Wand kleben.“ „Sollte?“ „Ja, also – meistens ist der irgendwie verschwunden. Musst du eben die Kollegen fragen und dir einprägen, wie der Wagen gepackt wird. Über die Tour weißt du ja schon Bescheid. Hat Lothar dir den Papierkrieg gezeigt?“ „Hmm…“ „Dann hätten wir das. Noch Fragen?“

„Ja, aber hinsichtlich der Arbeitszeit.“ Wolfgang verzog schmerzlich das Gesicht, gerade so, als habe ihm jemand auf den kleinen Zeh getreten. Ich ließ mich davon allerdings nicht beeindrucken und fragte: „Wir haben am Freitag rund elf Stunden gebraucht. Da begann ich den Dienst um halb acht. Wenn ich jetzt um, sagen wir mal, halb sechs anfangen soll, dann komme ich auf dreizehn Stunden. Das ist fast doppelt soviel, wie in meinem Vertrag steht.“ „Halb sechs schaffst du nicht. Das schafft keiner. Rechne mal lieber mit halb fünf und vierzehn Stunden.“ „Und das Geld?“ „Bis zu zehn Stunden täglich werden bezahlt. Der Rest wandert auf ein Zeitkonto. Jedenfalls bei uns Festangestellten. Wie das bei euch Tagelöhnern gehandhabt wird, weiß ich aber nicht.“ Bemerkenswert: Er sagte wirklich Tagelöhner! Ich dachte noch über diesen Begriff nach, als Wolfgang schon fortfuhr: „Die Überstunden zeichne ich dir ab, gar keine Frage. Was die in der Zentrale aber daraus machen, darauf habe ich keinen Einfluss. Willst du jetzt immer noch hier anfangen?“ Ich zuckte mit den Schultern: „Was bleibt mir denn übrig? Ich brauche das Geld für mein Kind.“ „Ja, ist immer die alte Geschichte. Morgen dann also früher. Hast du Arbeitskleidung?“ „Eine Jacke.“ „Hose, Regenjacke?“ „Nee, hatten die in der Zentrale nicht.“ „Na gut, dann muss es auch so gehen. Und jetzt fang an. Du begleitest heute Andreas. Der fährt immer die längste Tour. Ach ja, ich brauche noch Kopien von deinem Ausweis und von deinem Führerschein.“ Nachdem das erledigt war brachte er mich nach draußen und stellte mich Andreas vor.

„Du kannst schon mal die Paletten mit den Paketen zum Auto bringen, während ich ziehe“, meinte Andreas zu mir. „Welches Auto?“ „Heute zum Montag nehmen wir den VW-Transporter. Der reicht normalerweise.“ Ich begab mich zu den Paletten mit den Paketsendungen und fing an, die nach draußen zu karren. Schwer – Knochenarbeit eben. Plötzlich der Zuruf von einer Kollegin: „Hey – die beiden großen Pakete da drüben sind auch noch eure!“ Die Paletten stehen gelassen und die beiden großen Pakete in Augenschein genommen. Es handelte sich sehr große Pakete. Beide zusammen füllten die Ladefläche des Transporters aus. Zu Andreas gegangen und ihn informiert. „Scheiße, dann müssen wir zweimal fahren. Zieh du hier mal weiter und ich bringe die beiden Kisten vorab zu Firma XYZ.“ „Erreichst du da denn jetzt schon jemanden?“ „Nein – aber ich habe einen Schlüssel für einen Lagerraum. Da stelle ich das rein. Hinterher rufe ich per Handy an.“ „Privates Handy?“ „Klar – was sonst?“ Gesagt, getan. Ich zog und füllte die Schwingen und dachte mir meinen Teil. Man übergab mir bergeweise Packen mit Werbematerial, das selbstverständlich auch mit zu verteilen war. Nach einiger Zeit kehrte Andreas zurück. Das Auto wurde beladen und wir begannen mit der eigentlichen Tour, die sich hinsichtlich der Zustellarbeit nur unwesentlich vom Tag meiner Probearbeit unterschied. Lediglich die Örtlichkeiten waren andere. Und es ging schneller, weil zum Wochenanfang das Aufkommen von Sendungen geringer ausfiel – wie Lothar es gesagt hatte.

Unterwegs kamen Andreas und ich ins Gespräch. Ich erfuhr, dass er Radio- und Fernsehtechniker gelernt und altersbedingt keine Anstellung mehr gefunden hatte. Er zählte zum festen Personal und von denen fuhr jeder nur die eigene, immer gleiche Tour, kannte alle Feinheiten: Wo jemand erst zu einer bestimmten Uhrzeit aufstand, wo Pakete zu deponieren waren wenn man niemanden antraf, wer Hunde und wer gefährliche Hunde hatte usw. Er kannte seine Tour im Schlaf. Kein Wunder, wenn man das tagein, tagaus immer wieder macht. Für mich hingegen war das alles Neuland, kaum dass ich das andere Neuland der Tour mit Lothar verdaut hatte. Doch wir wurden vergleichsweise schnell fertig. Schon nach den 7,5 Stunden zu Zweit war alles verteilt. „Jetzt noch den Papierkrieg und dann Feierabend?“, fragte ich meinen Kollegen. „Wo denkst du hin? Heute ist Montag. Da steht nach Tourende die Fahrzeugpflege auf dem Programm.“ Das bedeutete Volltanken, Reifendruck kontrollieren, ggf. Scheinwerferbirnen ersetzen, Fahrzeug-wäsche. Der Papierkrieg folgte erst danach. Letztlich waren es zehn Stunden geworden. Als ich zuhause ankam, da fühlte ich mich vollkommen erledigt.

Auch am nächsten Tag fuhr ich mit Andreas. Doch es ergaben sich ein paar klitzekleine Veränderungen. Einerseits hatte die Anzahl an Sendungen merklich zugenommen, so dass wir den Sprinter benutzen mussten, weil da mehr reinpasste. Andererseits drückte mein Kollege mir vor dem Losfahren den Autoschlüssel in die Hand und meinte: „Heute bin ich der Beifahrer. Du fährst.“ Ich betrachtete das Auto und fragte: „Was ist mit der Einweisung, von der euer Personaler gesprochen hat?“ „Du hast doch ’nen Führerschein, oder?“ „Sicher.“ „Dann kannst du auch fahren. Das war die Einweisung. Und jetzt fahr los.“ Ich fuhr los. Nicht gerade einfach. „Die Bremsen sind übrigens hin. Und wenn die Kupplung müffelt, dann ignorier das einfach“, meinte Andreas und setzte hinzu: „Kannst du eigentlich nach Spiegeln fahren? Die meisten Leute können das nämlich nicht.“ „Ich denke schon.“ „Na, wir werden es ja sehen. Sei vorsichtig, OK? Das Auto ist nämlich nicht versichert. Wenn was passiert, dann zahlst du die Rechnung.“ „Das ist doch wohl nicht dein Ernst!“ „Doch. Deswegen haben wir hier ja auch alle private Dienst-haftpflichtversicherungen.“ Ich hatte keine. Ich schloss auch keine ab, weil sich das für mich nicht rechnete, denn: Würde ich nächste Woche hier noch beschäftigt sein? Stattdessen bemühte ich mich, sehr vorsichtig zu fahren. Nach dreizehn Stunden kam endlich der Feierabend. Wieder fühlte ich mich vollkommen fertig. Ergänzt wurde das durch den Muskelkater vom Schleppen der Pakete. Man gönnt sich ja sonst nichts …

Am dritten und vierten Tag fuhr ich mit Gaby. Wieder eine andere Tour. Immer zwei Tage gestand man mir zum Erlernen und Beherrschen einer Tour zu. Danach folgte die Tour mit Evi. Ein Tag verlief wie der andere. Freitags kamen wieder drei Probearbeiter zur Unterstützung, wie es offiziell hieß. Tatsächlich wurden die nur zum kostenlosen Abfangen der Arbeits-spitzen ausgebeutet. In der ersten Woche setzte ich mich nach Feierabend zuhause hin und kopierte Ortspläne, in die ich die Touren einzeichnete. Weil sich kein Mensch das alles merken konnte. Dauerte Stunden. Unbezahlte Mehrarbeit …

Und anstatt dass man eine gerade erst erlernte Tour zur Festigung des Wissens ein paarmal wiederholt, wurde man sofort mit Neuem zugeschüttet. Die Touren erwiesen sich wirklich als kompliziert, denn wenn innerorts auf einer Streckenlänge von 30 bis 50 Kilometern wirklich jede Straße und jedes Haus angefahren werden muss, dann trägt die zugehörige Logistik durchaus die Charakteristka eines Streckennetzes und Fahrplanes bei der Bahn. Und wer kennt schon einen Fahrplan auswendig?

Die Zusteller machten in dem Unternehmen die eigentliche Arbeit. Eine Knochenarbeit, denn viele Pakete wiesen Zentnergewichte auf. Wer schnell war, seine Zustelltour aus dem FF kannte und blind wusste, wo welche Leute wohnten, wo welche Briefkästen saßen und wo die falsch adressierten Briefe hinkamen, der schaffte das Verteilen der Sendungen an hundert Haushalte binnen einer Stunde. Das waren nur 36 Sekunden pro Haushalt, Wege und vorausgehende Postsortierung mit eingeschlossen. Eine Zustelltour umfasste rund 1200 Haushalte. Das machte im allergünstigsten Fall zwölf Arbeits-stunden ohne Pause (3,5 Stunden Sortierung, 8 Stunden Zustellung, eine halbe Stunde durchgearbeitete Pause, Papierkrieg nicht eingerechnet).

Für die Zustellung selbst gab es Beurteilungen. Wer es nicht in der vorgegebenen Zeit schaffte und daher Überstunden machte oder gar Touren abbrach oder falsch zustellte usw., der erhielt eine schlechte Beurteilung, weil er zu langsam oder zu oberflächlich arbeitete. Für die Tagelöhner, wie ich einer war, bedeutete das, dass der Vertrag keine Verlängerung erfuhr. Bei guter Beurteilung winken nicht etwa Geld oder Karriere, sondern vielmehr seitens der Tagelöhner die Vertrags-verlängerung und seitens der Festangestellten die Versetzung in den wesentlich ruhigeren Innendienst. Die Hauptaufgabe der Innendienstler bestand darin, ihre zustellenden Kollegen draußen im Hinblick auf die Beurteilungen zu überwachen. Natürlich wurden auch die Innendienstler von ihren älteren Kollegen kontrolliert. Gaben sie zu viele und zu gute Beurteilungen ab, dann wurden sie wieder in den ungeliebten Außendienst zurück versetzt. Das hatte Auswirkungen auf das Betriebsklima: Jeder gegen Jeden! Da wurde schon mal abends ein kaputt gefahrenes Auto auf den Parkplatz gestellt und wenn der Kollege das am nächsten Tag nicht gleich bemerkte und die Karre nahm, dann musste der eben für den Schaden aufkommen.

Auf diese Weise entstand unter den real arbeitenden Menschen ein sich selbst stabilisierendes System von Kontrollierten und Kontrolleuren – zugunsten eines abkassierenden Managements. Die Kontrollierten taten aufgrund der harten, ja geradezu unmenschlichen Arbeitsbedingungen alles, um an gute Beurteilungen zu gelangen. Dazu gehörte bspw. das absolut übliche und stillschweigend voraus gesetzte unbezahlte Sortieren von Post und Werbung in der Freizeit, um nur ja die Tour in der seitens des Managements vorgegebenen Zeit zu schaffen. Genau deswegen stempelten die Festangestellten auch erst bei der Abfahrt und bei der Rückkehr. Alles davor und danach – das LKW-Entladen, das Sortieren, das Beladen der Transporter, die Fahrzeugpflege, der Papierkrieg und das Saubermachen des Arbeitsplatzes – fielen auf diese Weise nicht in die Arbeitszeit. Wer die wenigsten Überstunden vorweisen konnte, der hatte die besten Aufstiegs-chancen.

Junge Kollegen gab es nicht. Fast alle hier hatten irgendwann mal irgendeinen Beruf erlernt – Installateur, Schlosser, Techniker usw. – und waren entweder aufgrund von Firmenpleiten hier gelandet oder aber von einer Gesellschaft, die einem irrwitzigen Jugendwahn nachhängt, altersbedingt aussortiert worden. Genau wie ich selbst auch. Die Tagelöhner wechselten ständig. Die Festangestellten fügten sich alle, waren froh, wenigstens etwas Geld zu verdienen: Arbeiten um zu verarmen! Als prinzipiell an seiner Arbeit interessierter Mensch überschlug ich mal grob, wieviel das Unternehmen jährlich durch die unbezahlte Mehrarbeit und durch die zum Abfangen von Arbeitsspitzen regelmäßig eingesetzten, kostenlosen Probearbeiter einsparte. Ich kam auf einen dreistelligen Millionenbetrag! Aber das muss man ja verstehen: Die Wirtschaft dient uns schließlich allen!

Im Laufe der Zeit bekam ich mit, dass der Betriebsrat seine Aufgabe darin sah, mit dem Personalchef rumzukungeln und ausschließlich die Festangestellten zu vertreten, wenn überhaupt! Er war bestens darüber im Bilde, welche Unmengen an unbezahlter Mehrarbeit geleistet wurden und schaute absichtlich weg. Es gab Kollegen, die wiesen schon morgens um Fünf eine Fahne auf, von der die Polizei hätte Betriebsfeste feiern können. Die setzten sich selbstverständlich auch fröhlich beduselt hinter’s Steuer. Ich erfuhr, dass einmal jährlich – zumeist in den Sommermonaten – eine ganz groß aufgezogene Betriebsfeier veranstaltet wurde und dass da das Komasaufen zum guten Ton gehörte. Am angesehensten waren die Mitarbeiter, die sich bis zur Besinnungslosigkeit betrinken konnten. Weil die in den Augen der Geschäftsleitung als am pflegeleichtesten eingestuft wurden. Hin und wieder gab’s mal frühmorgens eine Personalversammlung in unserem Stützpunkt, in deren Verlauf der Personalchef anreiste und uns alle zur Sau machte, weil irgendwelche Werbung nicht korrekt zugestellt worden war. Keiner hörte bei dem schwach-sinnigen Gesülze wirklich hin.

Zuerst fuhr ich wochenlang Fracht und Verbund, also Pakete sowie Pakete mit Tagespost. Die Transporter bereiteten mir keinerlei Schwierigkeiten, auch nicht rückwärts nur nach Spiegel in den engsten Gassen. Ich lernte, wie man mit einem VW Caddy und geöffneten Türen losfährt und dann eine Vollbremsung hinlegt, durch die sich die Türen alle automatisch schließen – denn das sparte wertvolle Zeit. Ich glaube, ich habe so ziemlich jedes Nutzfahrzeug gefahren, das die Firma vorweisen konnte. Inklusive der LKWs über 7,5 Tonnen. Letztere allerdings nur auf dem Firmengelände, denn lt. Führerschein darf ich keine LKWs über dieser Grenze fahren.

Das ging alles. Aber das ständige Ein- und Aussteigen zog meine Menisken und meinen Rücken gewaltig in Mitleidenschaft. Irgendwann hoffte ich bloß noch, dass die Schmerzen einfach nur aufhören. Hinzu kam wetterbedingt noch eine wirklich schwere Bronchitis. Ich fieberte und ging trotzdem zur Arbeit. Denn wenn ein Tagelöhner den gelben Schein brachte, dann bedeutete das mit Sicherheit das Aus für seinen Vertrag. Das Weihnachtsfest des betreffenden Jahres verbrachte ich in der Notaufnahme des Krankenhauses, weil ich den Rücken nicht mehr gerade bekam. Der behandelnde Arzt riet mir, mir schleunigst einen anderen Job zu suchen. Leichter gesagt als getan! Die schlimmste Zeit allerdings setzte erst nach Weihnachten ein, als die Rücksende- und Umtauschwelle für die ungeeignten Geschenke losbrach. In dieser Phase arbeitete ich teilweise 16 Stunden am Stück und brach auch öfters mal Touren ab. Ich schaffte das rein zeitlich nicht, denn wenn man gegen fünf Uhr nachmittags mit der Taschenlampe im Laderaum des Transporters rumfunzeln muss, weil die ungesicherte Pakete in der letzten Kurve durcheinander gefallen sind und die Innenbeleuchtung nicht funktioniert, dann dauert das eben. Solche Sachen passierten öfter; kamen noch das Glatteis und der Schnee hinzu, was zu weiteren Verzögerungen führte.

Das allerdings gefiel den Verwaltungshengsten in der Zentrale überhaupt nicht und meine Weiter-beschäftigung stand auf der Kippe. So wurde es Januar. Mich selbst kotzte der Job inzwischen nur noch an. Hinzu kam der permanente Ärger mit dem Jobcenter wegen des Aufstockens. Die wollten immer schon im Voraus wissen, was mir im kommenden Monat ausbezahlt werden würde. Das ich aufgrund der Bezahlung nach Arbeitsleistung und aufgrund der Beschäftigung als Tagelöhner so etwas nie im Voraus beziffern konnte, wollte einfach nicht in deren Schädel rein! Bezeichnend für die intellektuelle Leistungsfähigkeit gewisser Mitarbeiter in gewissen Institutionen. Übrigens war eine Sanktion wegen mangelnder Mitwirkung die unausweichliche Folge davon. Wäre da nicht die Notwendig des Geldverdienens gewesen, dann hätte ich den ganzen ausbeuterischen Mist umgehend hingeschmissen! Doch was tut man als Vater nicht alles für seine Kinder …

Schließlich aber gab die Firma sich äußert großzügig und räumte mir noch eine Chance ein. In einer etwas weiter entfernten Stadt existierte ein weiterer Zustellstützpunkt. Dort sollte ich künftig eingesetzt werden. Nur mit Werbung und Tagespost, keine Pakete mehr und kein Be- und Entladen von LKWs. Man nahm wirklich Rücksicht auf meine mittlerweile doch schon arg angeschlagene Gesundheit! Als es soweit war, setzte man mich als Tageszusteller auf’s Fahrrad – denn Radfahren konnte ich gut und ausdauernd, bei jedem noch so beschissenen Mistwetter. Die Monate Januar und Februar zeichnen sich durch eben solches Wetter aus. Die Menge an Sendungen stieg; es musste – wieder morgens ab spätestens fünf Uhr – sortiert werden. Mein neuer Kollege Otto zählte zu den angesehensten Mitarbeitern, was bedeutete, dass er jeden Tropfen Alkohol zuverlässig vernichtete, damit niemand Unfug mit dem Zeug anstellen konnte. Seine permanente Fahne fand ich unerträglich und von Intellekt her war er irgendwo in der Kanalisation stecken geblieben. Er stand als leuchtendes Vorbild immer schon morgens um Vier auf der Matte. Nach Tourende fuhr er nach Hause, legte sich für eine Stunde auf’s Ohr und kam danach in seiner Freizeit zurück, um die Werbung für den nächsten Tag zu sortieren. Er unterbrach die Zustelltour regelmäßig, weil er zwecks Stempeln zum Stützpunkt zurück fuhr: Bloß niemals über die Zehn-Stunden-Grenze kommen!

Ich sollte es seiner Meinung nach genauso handhaben. Nee – echt jetzt … Beim besten Willen nicht! Wieder gab es reichlich Probearbeiter, die schon nach der ersten Stunde sagten „Ihr seid doch bescheuert“ und wieder nach Hause gingen. Ich legte wöchentlich im Winter minimal 200 km zurück und das sechs Wochen lang. Wie die anderen Kollegen auch. Modafinil, Ritalin, Levodopa, Donepezil, Preludin, Fluctin, Captagon, Koffeintabletten – solche Schachteln lagen bei vielen meiner Kollegen und Kolleginnen ganz offen rum. Speed und Pep-Pills – weiß der Geier, woher die das Zeug hatten. Wahrscheinlich in den meisten Fällen von der letzten Urlaubsreise ins Ausland. Was früher als Volkssport an Schnaps und Zigaretten geschmuggelt wurde, das sind heute die Medikamente, sind die Dopingmittel. Doping scheint beim Radsport ja dazu zu gehören. Und Radsport war diese Zustellerei in gewisser Weise allemal. Jede Tour wurde in Etappen eingeteilt. Am Ende einer jeden Etappe mussten entweder im Stützpunkt oder aber an bestimmten Lagerorten in der Stadt Sendungen „nachgeladen“ werden.

Ohne Drogen ist man nach so einer Tätigkeit abends einfach nur noch tot und hat an absolut gar nichts mehr auch nur das geringste Interesse. Ich hatte es ohne Drogen durchgezogen. Man wird vor Erschöpfung total passiv, vollkommen lethargisch, so ausgebrannt und fertig ist man. Nicht mal mehr Lust zum Lesen ist noch da. Menschen, die das tagtäglich erleben, verdummen zwangsläufig. Sie sind daraufhin leicht führbar. Sie machen nur noch automatisch das, was man ihnen sagt. Sie geben sich selbst auf. Mit Handschuhen lassen sich keine Sendungen zustellen. Das Radfahren bei Eis und Schnee erfolgte daher ohne Handschuhe. Bereits nach nur drei Tagen sahen meine Hände rot gesprenkelt aus. Die Haut riss bei jeder Bewegung auf. Bienenwachs half etwas dagegen.

Auch mir wurde – nachdem ich die Touren in den 7,5 Stunden nicht schaffte und nach 12 bis 14 Stunden abbrach – von verschiedenen Seiten und unabhängig voneinander dringend angeraten, meine Freizeit zum unbezahlten Sortieren von Werbung zu opfern, wenn ich weiterbeschäftigt werden wollte. Zuletzt äußerte sich der Personalchef entsprechend, der zwar offiziell von nichts wusste, dem die tatsächlichen Verhältnisse aber bestens bekannt waren.

Er lud mich extra deswegen zu einem Vier-Augen-Gespräch ein. Ich lehnte das mit der Begründung ab, dass ich zwar zum Arbeiten, nicht aber zur Ausbeutung gewillt war. Zumal mir inzwischen schon achtmal schwarz vor Augen geworden war, so dass ich mich hinsetzen musste – vor Erschöpfung, denn ich verlor in diesem Vierteljahr sage und schreibe ein Kilogramm an Körpergewicht pro Woche. Daraufhin wurde mein Vertrag nicht mehr verlängert – und ich war in diesem Unternehmen beileibe kein Einzelfall!

Da frage ich mich natürlich, ob diese Arbeitsbedingungen ein Einzelfall sind. Solche Jobs machen die Leute physisch wie psychisch krank. In Folge werden aber lautstark die ausufernden Kosten im Gesundheitswesen beklagt. Geht’s noch paradoxer? Nachdem mein Vertrag in der letzten Februarwoche – vier Monate war ich jetzt in der Firma gewesen – nicht mehr verlängert worden war, da wagte ich es doch, einmal nach dem erarbeiteten Urlaubsanspruch und dem Arbeitszeitkonto zu fragen. Man lachte mich aus und empfahl mir: „Klagen Sie’s doch ein – wenn Sie können!“ Ich hätte gekonnt. Aber ich wollte nicht mehr. Ich war einfach nur fertig. Aus der schweren Bronchitis hatte sich eine leichte Lungenentzündung entwickelt. Es dauerte beinahe ein Vierteljahr, bis das wieder in Ordnung kam.

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