Nach der Saison … ist vor der Saison: Hier folgt der alljährliche Bericht über meine Chili-Saison, diesesmal für 2019. Ich habe wieder mit zwei Mischungen zu je zwei Töpfen gearbeitet, alle mit einem 1:1-Mix aus Komposter- und Blumenerde befüllt (mehr Kompostererde verbrennt erfahrungsgemäß die Pflanzen). Es handelte sich – wie gewohnt – um zwei 8cm-Blumentöpfe mit den Fensterbank-„Nasch“-Chilis (rot und schwarz) für die ansonsten chilifreie Zeit und um zwei 40cm-Balkonkästen mit Wasserreservoir (umfasst schätzungsweise drei Liter) für die „richtigen“ Chilis, also für den Genshake aus Habanero 7pot Infinity, Bhut Jolokia aka „Ghost Pepper“, Trinidad Moruga Scorpion und Carolina Reaper. Da dieser Genshake jetzt eine immer einheitlichere Form annimmt und dessen Saft sowie manchmal dessen Aussehen gewisse Ähnlichkeiten mit gewissen Außerirdischen aufweisen – inzwischen werden selbst PE-Handschuhe binnen allerspätestens fünf Minuten (meist früher) zerfressen – habe ich dessen vierte Generation auf den Namen „Lauenauer Aliens“ (oder kurz „Aliens“) getauft und werde den auch beibehalten.

Vielleicht vorab noch ein paar Anmerkungen zu den Aliens: Ich versuche damit, eine eigenständige, neue Sorte zu züchten. Weder geht es mir darum, mit irgendwelchen Züchtern in Konkurrenz zu treten noch um extrem superscharfe Chilis. Es geht mir vielmehr darum, für den Eigenbedarf Chilis zu haben, die sich durch ein unvergleichlich-fruchtig-blumig-tropisches Aroma auszeichnen. Die zwangsläufig damit verbundene Schärfe – ich schätze sie grob auf irgendwas zwischen ein und zwei Millionen Scoville ein – nehme ich dafür gerne in Kauf; ein Muss ist sie allerdings nicht. Zum Vergleich: Das allseits bekannte „Gurgelmittel“ Tabasco ist ungefähr um den Faktor tausend weniger scharf. OK, und nun zur Saison. Interessierte können die Timeline gerne als Richtlinie für eigene Versuche betrachten!

Die Aussaat der Nasch-Chilis im Blumenpott erfolgte am 10.11.2018, erste Keimung am 17.11.2018. Am 21.11.2018 war das Gros der Saat gekeimt. Erste Blütenansätze waren am 06.03.2019 erkennbar und die erste Blüte öffnete sich am 10.03.2019. Bestäubt wurde sporadisch manuell mittels feinem Pinsel sowie durch vorsichtiges Schütteln der Pflanzen bei gleichzeitigem, leichten Reinpusten. Am 27.03.2019 zeigte sich erster, gut sichtbarer Wuchs von Früchten. Die erste Ernte fiel auf den Ostermontag am 22.04.2019 und wurde hinsichtlich der angepeilten Ernte zu Ostern eine Punktlandung! Die Ernte – immer mal wieder ein paar Früchte – setzte sich bis zum 05.07.2019 fort und dann wurden die Pflanzen entsorgt. Sie waren nämlich während der hierzulande verdammt heißen Urlaubswoche der „Pflege“ durch meine Kinder zum Opfer gefallen und man hätte sie bestenfalls noch als Strohblumen verwenden können. In Summe allerdings haben die beiden geradezu winzigen Blumentöpfe 176 Früchte erbracht und das finde ich ganz ordentlich! Selbstverständlich wurde Saatgut daraus für die kommende Saison extrahiert u. d. h. entkernt, die Kerne gut eine Woche lang auf Küchenpapier i. d. Fensterbank getrocknet und dann licht- und luftdicht in eine Dose (alte Fischfutterdose) gegeben.

Die Aliens haben deutlich mehr Arbeit gemacht. Ihre Aussaat erfolgte am 09.01.2019 und die Kästen standen in Südost-Fensterbänken oberhalb der Heizung. Erste Keimung erfolgte am 26.01.2019 und am 04.02.2019 war die Keimung in vollem Gange: Hochzuchtchilis brauchen bekanntlich länger! Sie keimen erst binnen zwei bis maximal sechs Wochen und was nach sechs Wochen noch nicht gekommen ist das kommt auch i. d. R. nicht mehr. Ab dem 29.03.2019 fing die Schlepperei an, denn die Pflanzen mussten an das ungefilterte Sonnenlicht und an die raueren Bedingungen draußen gewöhnt werden. Die Kästen wanderten täglich, sobald die Witterung es zuließ, stundenweise nach draußen auf den Balkon – zuerst nur eine Stunde, nach einer Woche zwei Stunden, ab 18.04.2019 bei hinreichend viel Sonne und geeigneten Temperaturen dann täglich so fünf bis zehn Stunden.

Das Rausbringen ist wichtig! Einerseits müssen die Pflanzen an das ungefilterte Sonnenlicht und andererseits an die Stürme und Orkane in Norddeutschland gewöhnt werden: Durch das windbedingte, beständige Vibrieren der Stängel werden die dicker und widerstehen den Unbilden des Wetters – selbst dann noch, wenn der Orkan den gesamten Kasten umwirft! Am 23.04.2019 zeigten sich erste Blütenansätze und am 11.05.2019 hatte sich die erste Blüte geöffnet. Bestäubt wurde im Mittel alle zwei Tage manuell mittels feinem Pinsel, denn Bienen machen einen Bogen um die Pflanzen, so dass einem nichts als das manuelle Bestäuben übrig bleibt. Am 17.05.2019 u. d. h. unmittelbar nach den Eisheiligen wanderten die Balkonkästen mit den Aliens dann endgültig nach draußen (was auch allerhöchste Zeit war, denn angesichts der Pflanzengröße wurde es in der Wohnung durch die Abschattung doch schon recht dunkel). BTW: Auf das Entfernen kleiner Pflanzen wurde bewusst verzichtet, um zu sehen, was dann passiert. Resultat davon: Der Ertrag wird im Vorjahresvergleich nicht schlechter, eher besser.

Am 31.05.2019 hatten 11 Aliens angesetzt und die erste Ernte fiel auf den 15.07.2019. In Folge wurden nach und nach je nach Reifung immer mal wieder ein paar Aliens abgeerntet. D. h. die Früchte blieben nach dem kompletten Durchfärben noch so ca. drei bis fünf Tage an der Pflanze, damit die Samen reifen konnten, denn die wurden – genau wie bei den „Nasch“-Chilis – als Saatgut für die folgende Saison extrahiert. Notfalls erfolgte zum Überprüfen des Reifegrades noch der Drucktest: Erwiesen sich die Früchte beim vorsichtigen Zusammendrücken noch als hart und fest, dann war es zu früh zum Abnehmen. Ein leichtes Nachgeben zeigte die optimale Reifung an und bei weichen Früchten war es allerhöchste Zeit für die Ernte.

Am 11.08.2019 setzte die zweite Blüteperiode ein – auch jetzt wurde noch weiterhin manuell bestäubt. Mit dem Reifen der Früchte kam ab anfang Juni der Nährstoffmangel: Die Nährstoffe in so einem Balkonkasten reichen einfach nicht für die gesamte Saison aus. D. h. immer dann, wenn die Pflanzen erste, zarte Gelbstiche zeigten, wurde pro Kasten eine Deckelkappe voll „Mairol Universal Dünger“ in das Wasserreservoir gegeben, was so ziemlich alle drei bis vier Wochen geschah. Die dritte Blüteperiode setzte am 08.09.2019 ein, wobei allerdings keine weitere manuelle Bestäubung mehr erfolgte, denn der verbleibende Saisonrest hätte zum Wachsen und Reifen der Früchte rein zeitlich ohnehin nicht mehr ausgereicht. Das Gros des Abreifens geschah mit dem Verkürzen des Tageslichts ab Ende August. Insgesamt haben die beiden Kästen 244 Früchte erbracht (das sind entkernt und zerkleinert rund 1,3kg) und auch das betrachte ich als ganz ordentlich – eine Frucht pro Monat brauche ich für den permanenten Bedarf und der Rest ist gut zum Kochen von Höllenpaste. Die Konservierung aller Chilis erfolgte übrigens durch Zerkleinern und Einfrieren.

Beim Einfrieren ist in dieser Saison jedoch eine „kleine Katastrophe“ passiert. Das „Alienblut“ ist nicht ohne – soviel war mir ja schon aus den vorausgegangenen Generationen bekannt, denn Vinyl-, Latex- und Nitril-Einmalhandschuhe wurden binnen Sekunden zerfressen. Deswegen verwende ich schon seit Jahren PE- („Diesel“- oder „Haarfärbe“-) Handschuhe. Doch in dieser Saison mussten selbst die über kurz oder lang dran glauben. Bedeutet: Beim Zerkleinern (niemals ohne Schutzausrüstung!) ätzte der Saft binnen gut drei Minuten selbst die PE-Handschuhe durch, so dass die bei ein und derselben Verarbeitung häufiger erneuert werden mussten. Das stellte allerdings noch nicht die o. e. „kleine Katastophe“ dar. Die passierte an anderer Stelle und gänzlich unerwartet. Einfrierbeutel sind nämlich auch aus PE. Was ich nie für möglich gehalten hätte: Im Laufe der Monate zerfraß das „Alienblut“ selbst in der Tiefkühltruhe die Einfrierbeutel! Meine Frau wollte nur so einen Beutel beiseite packen und es rieselte raus; es verteilten sich viele kleine Aliens in der Küche. „Nicht anfassen!“ brüllte ich und dann war verschärfte Dekontamination angesagt. Aus Schaden wird man klug: Wie bei hochaggressiven Chemikalien üblich verwende ich jetzt doppelwandige Tanks. Sprich: Der Einfrierbeutel kommt grundsätzlich noch in einen zweiten Beutel rein.

Die Ernte zog sich schließlich bis in den Oktober hinein hin. Am 07.10.2019 kam allerdings der erste Bodenfrost und der setzte den Pflanzen sichtlich zu, so dass am Folgetag eine Noternte durchgeführt wurde bzw. werden musste, damit die restlichen – noch unreifen – Früchte nicht bei der nasskalten Witterung an den Pflanzen verfaulen. Bei ein paar wenigen Schoten fing das nämlich schon an, und zwar von innen her. Zur Saatgutgewinnung eigneten sich die unreifen Schoten zwar nicht mehr, wohl aber zum Kochen von Höllenpaste. Unreife Chilis haben zwar noch nicht das volle Aroma und auch nicht die volle Schärfe, aber verkonsumieren lassen sie sich trotzdem und viel zu schade zum Wegwerfen sind sie obendrein! Das, was ich in dieser Saison geernet habe, ist für mich viel mehr als genug! Was will man mehr? Jetzt müssen nur noch die Töpfe für die nächste Saison vorbereitet werden, denn nach der Saison ist ja bekanntlich vor der Saison! Daraus ergibt sich folgende Timeline für den Anbau:

– Januar:
Am Monatsanfang (spätestens bis 10.01.) Aussaat der Chilis in Balkonkästen, die drinnen im beheizten Raum stehen (Fensterbank o. ä.).

– Februar:
Die Saat keimt.

– März:
Die Sämlinge wachsen und wenn die Witterung es zulässt, dann kann man die Kästen schon mal für kurze Zeit (max. 1 Stunde) ganz vorsichtig nach draußen stellen.

– April:
Die Pflanzen müssen jetzt je nach Witterung immer mal wieder und gerne auch stundenweise nach draußen. Es bilden sich erste Blütenansätze.

– Mai:
Die Pflanzen (jetzt nicht selten schon 40cm hoch) wandern immer länger nach draußen; zuletzt sollte es täglich acht bis zehn Stunden lang sein. Geöffnete Blüten werden manuell etwa alle zwei Tage mittels feinem Pinsel oder mittels Wattestäbchen bestäubt. Nach den Eisheiligen wandern die Kästen endgültig raus.

– Juni:
Die Früchte wachsen und es muss i. d. R. alle 3-4 Wochen nachgedüngt werden. Das manuelle Bestäuben geht permanent weiter.

– Juli:
Erste Ernte, dazu das Wachsen weiterer Früchte, Düngung nach Bedarf und weiterhin manuelle Bestäubung. Zum Monatsende hin kann die zweite Blüteperiode einsetzen. Ernteüberschuss einfrieren und Saatgut für die kommende Saison extrahieren.

– August:
Weitere Ernte, dazu das Wachsen weiterer Früchte, Düngung nach Bedarf und weiterhin manuelle Bestäubung. Ernteüberschuss einfrieren und Saatgut für die kommende Saison extrahieren.

– September:
Weitere Ernte, dazu das Wachsen weiterer Früchte, Düngung nach Bedarf, aber keine weitere Bestäubung, weil das nicht mehr lohnt. Es kann zur dritten Blüteperiode kommen. Ernteüberschuss einfrieren und Saatgut für die kommende Saison extrahieren.

– Oktober:
Letzte Ernte, u. U. auch Noternte unreifer Früchte, aus denen kein Saatgut mehr extrahiert werden kann. Nasse Kälte macht den Pflanzen zu schaffen und sie können entsorgt werden. Kästen sauber machen und trocknen lassen. Ernteüberschuss einfrieren.

– November:
Die Kästen werden für die nächste Saison vorbereitet, d. h. mit der 1:1-Mischung aus Komposter- und Blumenerde beschickt, bleiben aber zunächst noch trocken und bei wenig Licht kühl (z. B. im Keller) stehen. Man hält schonmal Ausschau nach geeigneten Gefäßen für den noch zu verarbeitenden Ernteüberschuss. Sehr zu empfehlen sind 53ml-Twist-Off-Gläser.

– Dezember:
Wenn es draußen stürmt und schneit dann holt man den eingefrorenen Ernteüberschuss raus und kocht davon bergeweise Höllenpaste, weil die zu so ziemlich jedem Gericht passt.