Indeterministische Systeme sind nicht vorhersehbar, weil das Drehen an einer unglaublich winzigen Stellschraube über den Effekt der Selbstverstärkung so ein System in eine gänzlich unerwartete Richtung lenken kann. BTW: Ich weiß recht genau, wovon ich rede, weil ich vor zig Jahren mal indeterminische Systeme untersucht habe. Das war zwar im Bereich der Mikrobiologie, aber die Herangehensweise mit mathematischen Methoden ist überall sehr ähnlich. Unser Klima ist so ein indeterministisches System. Das Kohlendioxid – abgekürzt CO2 und NICHT hirnrissigerweise Kobaltquadrat (Co2) – ist eine der ganz winzigen und doch so immens wichtigen Stellschrauben. Da wir seit dem Beginn der Industrialisierung vor rund 300 Jahren das Gros des CO2-Vorkommens eines ganzen Erdzeitalters in die Atmosphäre gepumpt haben hat sich das im Zuge der Klimaerwärmung bereits bemerkbar gemacht. Wir bemerken es aktuell an äußerst unschönen Wetterphänomenen und später könnte es noch sehr viel schlimmer werden.

Mit dieser Problematik befasst sich z. Zt. die Weltklimakonferenz in Glasgow. An Ergebnissen erwarte ich davon … – gar nichts! Warum? Weil lt. Oxfam-Studie die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung wie ökologische Vandalen leben und bis 2030 für 16 Prozent der globalen Gesamtemissionen verantwortlich sein werden. D. h. eine kleine Eilte aus der „Too-Big-To-Fail“-Fraktion, entstanden durch den im Raubtierkapitalismus schwer angesagten Neoliberalismus (der Neoliberalismus ist die Phlogiston-Theorie der Poltiker und Wirtschaftslenker), wird alles daran setzen, ihren Lebensstil zu behalten sowie auszubauen und die auf deren Lohnlisten stehenden Politiker werden (wie immer in der Vergangenheit) alle Handlungsvorschläge in den Wind schlagen.

Alle – bis auf einen. Das ist die CO2-Bepreisung. Dabei ist es völlig egal, ob es um eine CO2-Steuer oder um den CO2-Emissionshandel geht, denn es besteht ein gleiches Wirkungsprinzip. Bei einer Steuer würde jeder eine prozentuale CO2-Abgabe auf Waren bezahlen. Beim Emissionshandel läuft das etwas anders, kommt aber auf das Gleiche raus. Pro Tonne ausgestoßenes CO2 wird ein Emissions-Zertifikat benötigt. Die Zertifikate geben EU und Nationalstaaten heraus. Sie kassieren dafür und die Zertifikate werden ständig teurer. Je mehr CO2 ein Unternehmen erzeugt, desto teurer werden die Ausgaben für die Zertifikate. Aber: Die Sache ist gedeckelt u. d. h es darf in Summe aller zusammen nur eine gewisse Maximalmenge ausgestoßen werden. Wieviel das ist regeln eben die eingekauften CO2-Zertifikate, welche staatlicherseits nur in begrenzter Menge ausgegeben werden. Wirtschaftsunternehmen melden ihren Bedarf dafür an und zahlen. Kaufen sie zuviele Zertifikate ein, dann können sie den Überschuss an andere Unternehmen, welche zu wenig davon eingekauft haben, (möglichst gewinnbringend) veräußern.

Seit 2005 haben wir einen EU-weiten Emissionshandel, der aber zunächst nur „Stromerzeugung“ und „Energieintensive Industrien“ umfasste. Der Strompreis und die Preise für Baustoffe haben uns gezeigt wie das funktioniert, denn sie kennen nur noch eine Richtung. Seit 2012 gelten die Zertifikate auch für den „Luftverkehr“ sowie seit 2021 zusätzlich noch für „Wärme und Verkehr“. Das Resultat davon erleben wir gerade an den Tankstellen. Doch auch wenn wir den ganzen Mist jetzt schon nicht mehr bezahlen können muss man mit Blick auf die CO2-Einsparung konstatieren: Das reicht nicht! Zuviele Industriezweige fehlen – die CO2-Bepreisung müsste allumfassend weden – und neutral betrachtet sind die CO2-Preise immer noch viel zu niedrig, um die CO2 emittierenden Industrien zum Umdenken bewegen zu können. Warum? Weil besagte Industrien alles direkt an den Verbraucher weitergeben. Der zahlt und zahlt und … Die Kohle fällt nach oben; es kassieren der Staat und die Wirtschaft. Bloß wird davon der CO2-Ausstoß nicht geringer! Und, ganz wichtig: Betrachtet man Energie- und Lebenshaltungskosten in Relation zum Einkommen, dann trifft jegliche CO2-Bepreisung vor allem die Niedrigverdiener – also diejenigen, die am wenigsten CO2 produzieren, weil sie nur noch auf ganz kleinem Fuß (über)leben können.

Es ist übrigens recht einfach, den eigenen CO2-Fußabdruck zu ermitteln – folgt einfach mal dem Link. Doch zurück zum Thema: Sozial gerecht ist es absolut nicht, wenn Unternehmen die Kosten einfach nur an den Verbraucher weiter reichen und wenn der Staat einfach nur munter drauflos kassiert. Das muss dringend kompensiert werden! Sozial gerecht wäre es, wenn das bei der Ausgabe der Zertifikate eingenommene Geld zweckgebunden wieder ausgeschüttet wird. Das kann man auf zweierlei Arten machen. Einerseits durch eine Steuerentlastung (z. B. eine gesenkte Öffi-Besteuerung) wie sie Schweden praktiziert. Andererseits durch eine Klimadividende (jeder bekommt den gleichen Betrag zurück: Pro-Kopf-Anteil ohne weitere Prüfung; die Summe der Einnahmen geteilt durch die Anzahl der Bürger) wie die Schweiz es vormacht. Das Steuermodell lohnt sich in Ländern mit sehr hoher Besteuerung; in Deutschland wäre es aufgrund der prekären Lage von einem Großteil der Bevölkerung (bedingt durch Minijobs, Teilzeitjobs, H4) gerecht vermutlich nicht zu machen. Das Klimadividendenmodell hingegen schon.

Bleiben wir deswegen beim Klimadividendenmodell: Wer nur die kleine, selbstgenutzte Wohnung hat, viel mit dem Fahrrad anstatt mit dem Auto fährt und sich bei den Urlaubsreisen zurück hält hat einen kleinen CO2-Fußabdruck (vgl. obigen Link). Der machht Plus, denn er bekommt mehr Geld zurück als er zahlen muss. Anders derjenige, der auf ganz besonders großem Fuß lebt und der nicht auf dickes Auto, Yacht sowie Flugreisen verzichten kann (vgl. o. e. Oxfam-Studie): Der zahlt drauf – und zwar satt. Damit trifft das Klimadividendenmodell genau die Richtigen, die dadurch zwangsläufig einen finanziellen Anreiz für einen klimafreundlichen Lebensstil erhalten. Aber selbstverständlich werden wir auf so etwas hier in Deutschland sehr lange vergeblich warten müssen, denn weder die Politiker noch ihre Auftraggeber aus der Wirtschaft wollen auf irgendwelche Einnahmen verzichten – schon gar nicht zugunsten des blöden Stimmviehs.

Dem blöden Stimmvieh wird die Energiewende durch Augenwischerei schmackhaft gemacht, Stichwort Kohleaustieg. Ein solcher Ausstieg, ohne funktionierende, grundlastfähige Alternative, kann nur schiefgehen, denn dann wird der zweite Schritt vor dem ersten gemacht. Eine funktions- und grundlastfähige Alternative wäre parallel zum Kohleausstieg die Verpflichtung der Wirtschaft zum Aufbau eines umfassenden Wasserstoff-Versorgungsnetzes. Angesichts der mittlerweile bereits recht umfangreichen Möglichkeiten der Wasserstofferzeugung müsste so ein Netz für dezentrale Einspeisung konzipiert werden. Die Politik könnte die Wirtschaft dazu verpflichten. Wenn sie wollte. Auf mittelfristige Sicht wird uns sowieso nichts anderes übrig bleiben, als die Problematik der Klimaerwärmung wirklich gemeinsam und global anzugehen. Doch wenn wir dabei hierzulande den Anfang machen, dann stehen wir beim Technologietransfer auch ganz oben. Wenn nicht zahlen wir drauf. Letzteres ist das was ich erwarte – von Politikern, die sich bequem zurückgelehnt haben, als Alibi faseln „… aber wir haben doch …“ und die nicht zu belangen sind. Ist ja auch bequemer und gewinnträchtiger für einige Wenige … 😦