Ich hatte kürzlich so eine Art von deja vu. Da las ich nämlich im Internet folgende Aussage: „Im jodierten Speisesalz befindet sich überhaupt kein echtes, organisches Jod, sondern anorganisches künstliches Jodid, welches aus hochgiftigen Abfallprodukten wie Autokatalysatoren, Druckerfarben und Röntgenkontrastmitteln gewonnen wird. Dafür werden sogar Krankenhausabwässer recycelt. Wie Flourid wird Jodid aus giftigen Industrieabwässern gewonnen, die sehr teuer entsorgt werden müßten, und kommt dann in’s Speisesalz – Mahlzeit!“ Mein deja vu bestand nun darin, dass ich mich angesichts dieses hahnebüchenen Unsinns an die „Ban Dihydrogenmonoxide“ Kampagnen von 1989 und 1994 erinnert fühlte, mit denen Halb- und Unwissen gehörig auf die Schippe genommen worden sind.

Zerlegen wir die gequirlte Scheiße über das Jod – es schreibt sich nach der IUPAC-Vereinheitlichung vor ein paar Jahrzehnten übrigens korrekt als Iod – mal der Reihe nach. Iod zählt zur Gruppe der Halogene: Fluor, Chlor, Brom, Iod, Astat. Das sind durch die Bank weg anorganische Elemente. „Organisches Jod“ existiert also nicht. Es ist ebenso häufig wie die Herden von Einhörnern in unseren Wäldern! Alle Halogene bilden Salze, weil diese Elemente durchweg hochreaktiv sind. Die werden nach dem jeweiligen Element mit der Endung -id versehen. Die Iodsalze sind also die Iodide, im Singular Iodid (und eben nicht „anorganisches künstliches Jodid“, denn anorganisch ist das Salz ja sowieso – und mit „anorganisch“ auch „künstlich“ zu suggerieren ist etwa so, als wenn man einen Granitfelsen, der ja auch anorganischen Ursprungs ist, als menschengemacht bezeichnen wollte). Was also haben wir bis zu diesem Punkt? Wir haben auf falschen Behauptungen, ggf. durch Unwissen hervorgerufen, basierende, suggestive Panikmache.

Weiter: Kommen wir jetzt mal zu den „hochgiftigen Abfallprodukten wie Autokatalysatoren, Druckerfarben und Röntgenkontrastmitteln“. Richtig ist, dass Iod in der chemiscen Industrie bei zig Reaktionen als Katalysator Verwendung findet – allerdings immer im geschlossenen System u. d. h. in einer Reaktionsapparatur. Mit dem „Autokatalysator“ kann mangels anderer Möglichkeiten eigentlich nur der Abgaskatalysator gemeint sein – sorry, der enthält zwar Elemente aus der Platingruppe, aber kein Iod, denn das würde sich bei den Abgastemperaturen binnen Sekunden in Form von Ioddampf verflüchtigen. Druckfarben – nicht „Druckerfarben“, man beachte doch bitte die korrekten Begrifflichkeiten! – könnten theoretisch zwar Iod enthalten und für Druckfarben wird auch tatsächlich jeder Schlunzabfall verwendet, aber Iod-basierende Farben wären etwa so teuer, als wenn ich mein Jägerschnitzel allein mit Unmengen von Trüffeln anstelle der Champingons zubereiten würde. Macht also auch keiner und fällt daher gleichfalls in die Rubrik „erstunken und erlogen“. Bleiben die Röntgenkontrastmittel. Ja, die enthalten je nach Mittel u. a. auch Iod. Nein, die werden nicht recycelt. Weil man sie nach der Anwendung mit dem Urin ausscheidet. Eine Pissesammelstelle ist mir aber in noch keiner einzigen Röntgenabteilung untergekommen! Was bleibt? Lüge und Fehlinformation.

Dann heißt es: „Wie Flourid wird Jodid aus giftigen Industrieabwässern gewonnen …“ Erstmal nennt man das Salz des Fluors Fluorid, aber das sein nur am Rande erwähnt. Industrieabwässer müssen aufbereitet werden. Das dient dem Schutz unserer Umwelt und das ist auch gut so. I. d. R. besteht so eine Aufbereitung darin, das Abwasser chemisch so umzusetzen, dass harmlose Stoffe entstehen. Die werden anschließend in die Umwelt abgegeben. Die Rückgewinnung von Inhaltsstoffen aus Industrieabwässrn ist allerdings eher die ganz, ganz große Ausnahme – weil teuer – und wird ausschließlich dann praktiziert, wenn sich so etwas auch rechnet. Also bspw. bei Edelmetallen. Beim Iod lohnt sich das in keinster Weise und deswegen gewinnt man Iod auch als Nebenprodukt bei der Salpeterherstellung sowie aus der verbleibenden Salzsole im Zuge der Förderung von Erdgas und Erdöl. Das, was im eingangs zitierten Megaschwachsinn über die Herkunft der Iodverbindungen behauptet wird, stimmt also auch nicht.

Bleibt noch der letzte Satz: „… und kommt dann in’s Speisesalz – Mahlzeit!“ Aääh… – NEIN!!! Speisesalz wird aus See- oder Gletschersalz gewonnen. In beiden Salzarten sind Jodide bereits vergleichsweise reichlich enthalten. Warum? Weil alle Alkali- und Erdalkali-Halogenide recht gut wasserlöslich sind und im Zuge der eiszeitlichen Phasen aus den Böden ausgespült wurden. Diese Verbindungen reicherten sich irgendwann im Meerwasser an. Gletschersalz ist nichts anderes als der Rückstand eines vor Urzeiten verdunsteten Meeres! Das Zeug ist da also von Haus aus schon drin! Nur in ausgesprochenen Iodmangelgebieten ist eine zusätzliche Iodierung des Speisesalzes also sinnvoll. Die erfolgt aber nicht durch Zugabe von Iodiden, sondern durch Anreicherung mit Iodaten u. d. h. mit den Salzen der Iodsäure. Es bleibt hinsichtlich der ursprünglichen Aussage nur: Es muss sich um ausgedachten Schwachsinn handeln!

Also, warum das Ganze? Dazu kann ich nur Vermutungen anstellen. Eine gewisse Form von zivilisatorischer Dekadenz – nämlich Glauben statt Wissen oder, noch schlimmer, zu wissen glauben – spielt sicherlich eine Rolle. Es bedarf nämlich etwas gedanklicher Arbeit, sich mit vorhandem Wissen folgerichtig auseinander setzen zu können, vom Erwerb dieses Wissens – d. h. vom mitunter mühsamen Lernen – mal ganz zu schweigen. Und Arbeit ist bähhh! Da wird lieber unreflektiert gequirlte Hühnerkacke abgesondert, Hauptsache pseudowissenschaftlich glaubhaft, und dann rennen einem schon genügend noch dümmere Trottel hinterher. Dazu kommt sicherlich noch ein übersteigertes Misstrauen von Otto Normalverbraucher gegenüber der Wissenschaft. Das, was man nicht begreift, versucht man eben auf andere Weise rüber zu bringen. Gerne auch unter Verwendung geistiger Abkürzungen, auch wenn der größte Mist dabei rauskommt.

Letztlich gibt’s da aber noch etwas, und das ist die Ablehnung der Chemie. Die Chemie hat einen schlechten Ruf. Weil sie partiell viel Schaden angerichtet hat. Sie hat zwar für noch sehr viel mehr Nutzen gesorgt, aber das wird als selbstverständlich hingenommen – es berichtet ja auch keiner über eine gut verlaufene Autofahrt, weil sich nur die spektakulären Unfälle als Aufmacher eignen! Bloß: Ohne permanente chemische Reaktionsketten gäbe es uns gar nicht. Wir wären nicht nur mausetot, sondern das Leben auf der Erde wäre gar nicht erst entstanden. Denn Natur ist nichts anderes als angewandte Chemie, allerdings mit einem Grad von Komplexität, wie wir ihn wohl nie verstehen werden. Simple Folgerung: Wer Chemie ablehnt, der lehnt auch das Leben an sich ab! Wenn du dein Steak isst oder dein Müsli knabberst, dann spielen sich in deinen Verdauungsorganen Unmengen von chemischen Reaktionen ab. Ohne die wärst du längst verhungert. Wenn du atmest, dann reagiert der Sauerstoff aus der Luft chemisch mit dem Hämoglobin deines Blutes. Ohne diese Reaktion wärst du längst erstickt. Diese Beispiele ließen sich jetzt noch bis zum Sankt-Nimmerleinstag fortsetzen.

Es ist das Unwissen in unserer ach so aufgeklärten Gesellschaft, das dazu geführt hat, dass „Chemie“ mit „künstlich“ und dass „Natur“ mit „organisch“ gleichgesetzt wird. Diese Gleichsetzung ist gefährlicher Unsinn, geboren aus einer wie eine Seuche immer schneller und immer weiter um sich greifenden Dummheit! Im Jahr 2006 erschien eine ziemlich böse SF-Komödie mit dem Titel „Idiocracy„. Die handelte von einer unglaublich verblödeten Menschheit. Der Regisseur siedelte die Handlung im Jahr 2505 an. Ich befürchte, dass dieser Film wahr werden könnte. Schlimmer noch: Meiner unmaßgeblichen Meinung nach hat der Regisseur mit dieser Dystopie um mindestens um 400 Jahre zu weit in die Zukunft gegriffen!

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