„Verläuft dein Leben streng nach Plan fährst du niemals mit der Bahn!“
(Deutsche Volksweisheit)

Die nachfolgende kleine Geschichte schrieb sich nach endloser, vergeblicher Warterei auf Handwerker wie von selbst und ich glaube, dass jeder, der schon einmal Handwerker benötigte, das auch irgendwo nachvollziehen kann. Ich behaupte zwar nicht, dass es sich seinerzeit wirklich so verhalten hat, aber m. E. spricht einiges dafür!
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Zeit ist relativ!

Es begab sich im Jahre 1902 als ein gewisser Albert E. eine Anstellung als kleiner Angestellter im Patentamt zu Bern erhielt. Wie das so mit kleinen Angestellten ist werden die dazu missbraucht, den Müll der Koryphäen in der Hierarchieebene über ihnen wegzuräumen. D. h. man lässt sie all die Dinge des täglichen Lebens erledigen, für die gewisse Herrschaften sich selbst zu fein sind. So erging es auch Albert. Nicht, dass er sich totarbeiten musste – nein, aber hier Papiere sortieren, da einen Hausmeister beauftragen, hin und wieder mal Kaffee kochen und solche Sachen können einen Menschen zwar ernähren, stellen aber nicht gerade die berufliche Erfüllung dar.

Albert hatte seinen Job im Juni bei allerschönstem Sommerwetter angetreten. Die Monate gingen ins Land und der November war gekommen. Der kleine Angestellte sortierte gerade den Papierkorb seines Vorgesetzten, der irrtümlich ein paar wichtige Unterlagen weggeworfen hatte, als ein Windstoß die ganze Arbeit wieder zunichte machte und die einzelnen Blätter durch den Raum segelten. Albert fluchte und versuchte das Fenster zu schließen. Doch es klemmte. Es klemmte sogar ganz gewaltig! Schnell stellte er fest, dass er hier alleine nichts ausrichten konnte und ließ nach einem handwerklich begabten Fachmann schicken, nämlich nach einem Tischler.

Der nun ließ ausrichten, dass er am nächsten Tag genau zur Mittagszeit – d. h. um 12:00 Uhr – kommen und das Fenster reparieren würde. So etwas wäre ein Klacks, der i. d. R. nicht mal eine einzige Stunde an Arbeitszeit erforderte. Der nächste Tag kam. Es wurde Mittag. Der Herr Handwerker kam nicht. Albert E. wartete Stunde um Stunde, bis er schließlich erneut nach dem Fachmann schicken ließ. Der ließ ausrichten, dass es wohl heute nichts mehr werden würde – andere Baustelle, Verzögerungen bla-bla-bla. Und Albert schüttelte sich. Ihn fror. Es zog aufgrund des kaputten Fenstes wie Hechtsuppe und er lief Gefahr, sich eine Lungenentzündung zu holen. Voller Verzweiflung warf er noch ein paar Scheite Holz in den Ofen, welcher den Raum mehr schlecht als recht erwärmte. Sein Blick wanderte zum Feuerholz: Auch nicht mehr viel davon da. Er würde neues reinschleppen müssen. Hoffentlich kam der Tischler bald!

Die Zeit verging und es war Dezember geworden. Draußen fiel der Schnee in dichten Flocken, als eines Morgens völlig unerwartet ein wildfremder Mann vor Albert stand. Es handelte sich um den Tischler! Der frühstückte zunächst ausgiebig und widmete sich anschließend dem klemmenden Fenster, wodurch Albert ein paar neue Flüche, die er noch nicht kannte, zu Ohren kamen. Es dauerte. Aus der veranschlagten einen Stunde wurde schnell ein halber Tag. Immerhin: Nach getaner Arbeit zog es nicht mehr wie Hechtsuppe und das Fenster ließ sich auch wieder schließen. Albert aber sinnierte über Zeitangaben nach. Am nächsten Tag gab es ein Problem mit einem Kessel und Albert ließ dazu den Kupferschmied – aus dem sich später der Beruf des Klempners entwickelte – rufen.

Besagter Kupferschmied besah sich den Schaden, befand, dass er das zwar reparieren könne, allerdings heute nicht mehr. Übermorgen, so teilte der Herr Handwerker unserem Albert mit, könne der so ab etwa 08:00 Uhr mit dem Beginn der Arbeiten rechnen. Albert gefiel das weniger, begann seine Arbeit doch planmäßig erst um 09:00 Uhr. Aber sei’s drum! Er fügte sich und stand am übernächsten Tag in aller Frühe auf der Matte. Und wartete. Und wartete. Und wartete noch sehr viel länger. Wer nicht auftauchte war der Herr Handwerker. Der kam erst zwei Wochen später, als Albert noch dreimal nach ihm hatte schicken lassen und brummelte etwas von zuvielen Aufträgen und zuwenig Leuten. Aber er reparierte den Kessel. Albert, nicht untätig, hatte die Wartezeit genutzt und begonnen, eine bitterböse, hochwissenschaftlich aussehende und zugleich rabenschwarze Satire über individuelle Zeitabläufe zu verfassen.

Im Januar schickte sein Arbeitgeber ihn zu einem wichtigen Termin nach München. Albert nahm den Termin wahr, übernachtete noch einmal im Hotel und stand am nächsten Tag auf dem kalten, zugigen Bahnsteig. Sein Zug – Eigentum der Reichseisenbahn – sollte um Punkt 12:00 Uhr abfahren. Der Zeiger der Bahnhofsuhr stand auf 11:59 Uhr und von der Reichseisenbahn fehlte noch jede Spur. Der Zeiger sprang auf 12:00 Uhr und noch immer kam kein Zug. Albert E. stand in der Kälte, fror, zitterte und überlegte: „Gleichzeitigkeit bedeutet, dass der Zug kommt, wenn der Zeiger der Uhr auf 12:00 Uhr springt. Kommt der Zug dann aber nicht, dann gibt es entweder keine Gleichzeitigkeit oder aber die Zeit vergeht nicht konstant, sondern relativ im jeweiligen Bezugssystem. Ist Zeit etwa relativ?“

Nachdem besagter Zug mit einer Stunde Verspätung endlich eingetroffen war, Albert im warmen Abteil Platz genommen und sich ausgiebig beim Schaffner über die Verspätung beschwert hatte – was nur zu einer kurz angebundenen, unfreundlich dummen Antwort führte – regten sich verständlicherweise in seinem Hinterkopf Mordgedanken. Angenommen, er würde sich in die Mitte des Zuges stellen und diesen widerlichen Schaffner ganz hinten im Wagen und diesen unfähigen Lokführer ganz vorne im Wagen einfach über den Haufen knallen. Dann würden die anderen Fahrgäste aussagen, dass er beide zugleich erschossen hätte. Für einen Beobachter am Bahndamm allerdings, auf den sich der Zug zubewegte, müsste es so aussehen, als sei der Lokführer zuerst und der Schaffner danach umgenietet worden. Und für einen weiteren Beobachter, von dem sich der Zug gerade entfernte, würde es sich genau umgekehrt verhalten. Dann gäbe es drei einander widersprechende Aussagen. Ob die Polizei allerdings in dem Falle auf seine Festnahme verzichten würde war mehr als nur fraglich und deswegen ließ Albert E. verärgert vor sich hin brummelnd die Ballerei lieber bleiben.

Doch alle diese Erfahrungen flossen in seine bitterböse, rabenschwarze Satire über unterschiedliche – relative – Zeitabläufe mit ein. Da er sich mit Mathematik ganz gut auskannte, würzte er seine Schrift noch mit der einen oder anderen Formel, hielt es für eine Riesengaudi gleich noch so quasi nebenbei mit abzuleiten, dass Materie und Energie ineinander umwandelbar sind und schickte das Ganze an eine seinerzeit recht bekannte Satirezeitschrift. Allein: Die Schrift wurde abgelehnt! Mit seinen Formelwerken konnte niemand etwas anfangen. Na gut, dachte Albert, dann setze ich eben noch einen obendrauf und so erschien seine Satire in Form von mehreren Fortsetzungen in den Annalen der Physik. Nur verstand das eben niemand als Satire und so wurde die aus Frust geborene Ausarbeitung völlig ernst genommen. Sie sollte unsere Welt verändern.

Was aber bis in unsere Tage unverändert blieb waren die Konstanten der unterschiedlichen Zeitabläufe, insbesondere Handwerker jeglicher Schattierung und auch die Bahn betreffend. Deswegen darf man auch mit Fug und Recht behaupten, dass es nicht ursächlich Albert Einstein gewesen ist, dem wir die heutige Technik verdanken, sondern dass stattdessen die Terminangaben des Handwerks und die Fahrplanangaben der Bahn dahinter stecken! Denn ohne deren relativ andere Zeitabläufe hätte Albert E. sich nie im Leben veranlasst gesehen, seine Relativitätstheorie zu entwickeln! Und vieles im Verlauf der Geschichte dürfte sich auf recht ähnliche Weise abgespielt haben.