Einer unserer Pflegefälle ist mein Schwiegervater. Mein Schwiegervater ist … schwierig. Oder, um unseren Nachbarn zu zitieren: „Früher war der unausstehlich und heute ist er ein richtiger Stinkstiefel!“ Kein Kommentar dazu. Aber Schwiegervater ist nunmal ein Pflegefall geworden. An der Stelle kommt der MDK ins Spiel. Echt jetzt: Der MDK und ich, das sind zwei Welten, die nicht zusammen passen! Der MDK begutachtet Pflegefälle und stuft sie in einen Pflegegrad ein. Vergangenen Freitag war ich bei meiner inzwischen siebten MDK-Begutachtung dabei – meinen Schwiegervater betreffend – und dachte ursprünglich, dass sich so langsam so etwas wie Routine dabei einstellen würde. D. h. ich hatte alle Unterlagen parat und nahm an, wenn wir das Stück für Stück durchgehen, dann ist die Sache gelaufen. Doch weit gefehlt! Warum überhaupt eine neue Begutachtung?

Mein Schwiegervater zeichnet sich durch einen extremen Altersstarrsin, gepaart mit Demenz und äußerst unkooperativem – selbstschädigendem! – Verhalten aus: Eine wirklich giftige Mischung! Bis zum April diesen Jahres war er fälschlicherweise in Pflegegrad 2 (PG2) eingestuft worden. Meine Frau – damals die alleinige Besitzerin einer Vollmacht – strengte eine Neubegutachtung an, bei der ich zugegen sein sollte. Für den betreffenden Tag nahm ich Urlaub. Am Briefkasten wurde ein DIN-A4-Zettel befestigt, auf dem stand, dass der MDK bei uns klingeln sollte. Zum Termin warf ich Schwiegervater rechtzeitig aus dem Bett, kleidete ihn an (selbst kann er das meist nicht mehr) und meine Frau hatte am Tag zuvor in schier endloser Kleinarbeit stundenlang das Dreckloch der Pflegefälle auf Hochglanz poliert. Ich schärfte Schwiegervater dringend ein, mich umgehend zu rufen, wenn jemand kommt, weil er liebend gerne in der offenen Haustür rumlungert. Anschließend wartete ich. So etwa alle zwanzig bis dreißig Minuten ging ich runter zur Haustür und schaute nach: Keiner da!

Irgendwann fehlte dann der Zettel am Briefkasten und ich fragte Schwiegervater, ob der den abgenommen hätte. Ja, hätte er und „da war so’ne Frau, die hat was geschrieben und die ist schon wieder weg“. Ich: „Und warum hast du mich nicht gerufen?“ Er: „Brauche dich nich‘! Hab‘ gesagt, dass oben keiner da is‘! Hab‘ der gesagt, dass ich noch alles alleine kann!“ Irgendwann kam das Gutachten. Schwiegervater hielt es vor mir geheim, bis die Widerspruchsfrist schon lange verstrichen war. Als es mir in die Hände fiel, da musste ich mich erstmal hinsetzen und einen Doppelten trinken: Der unzurechnungsfähige Sturkopf hatte das Blaue vom Himmel runter gelogen und diese Fake News waren nun aktenkundig geworden. Doch trotz seiner dreisten Lügen war die Einstufung in PG3 erfolgt. Ich ging auf die Barrikaden! Ich wandte mich zwecks Neubegutachtung an seine Pflegekasse: „Ja, machen wir, alles gar kein Problem!“ Denkste! Denn plötzlich musste ich eine auf mich ausgestellte Vollmacht vorweisen. Hatte ich nicht – ich hatte nur die Arbeit: Gut 150 Pflegestunden Monat für Monat. Angegeben hatte er 10.

OK, erstmal dem alten Sturkopf eine Vollmacht aus der Tasche leiern. Es wurde ein Kampf mit harten Bandagen und ich schreckte auch nicht vor dem Versuch des ganz bewussten Aushungerns zurück – denn schließlich hatte er ja angegeben, noch alles alleine zu können. Doch erst durch Intervention von einer meiner Töchter, meiner Frau, meiner Schwägerin und seines lautstark knurrenden Magens ließ er sich erweichen. Schließlich hatte ich die Vollmacht und wandte mich wieder an seine Pflegekasse. Das war Ende September. Jetzt also die Neubegutachtung … – lt. Rechner unter Pflege.de und den Aufzeichnungen im Pflegetagebuch müsste er dicke in PG4 eingestuft werden. Diesesmal gingen meine Frau und ich auch anders vor. Sie putzte und wienerte vorher nicht. Er war – genau wie ich – rechtzeitig schriftlich in Kenntnis gesetzt worden. Wenn er da nicht adäquat drauf reagierte (Duschen, Waschen, Rasieren, Aufräumen, an den Termin denken usw.), dann war das eben sein Problem.

Am Briefkasten klebte wieder ein Zettel, der besagte, dass Frau S. vom MDK doch bitte bei mir klingeln sollte. Den Begriff „MDK“ vermied ich dabei im Gegensatz zum April ganz bewusst. Schwiegervater wusste mit dem Zettel nichts anzufangen und ließ ihn hängen. Frau S. klingelte bei mir und wir betraten das Dreckloch der Pflegefälle – am Abend zuvor seitens meiner Frau wirklich aufgeräumt und bereits wieder in einem Zustand, in dem die Haltung einer wilden Kanalratte den Tierschutz auf den Plan rufen würde. Ich informierte Schwiegervater, dass sein Besuch da wäre: Er wusste von gar nichts und hatte – wie erwartet – alles vergessen. Ich führte die Dame am frisch angehäuften Berg vollgepisster und stinkender Schlüpfer von Schwiegermutter vorbei (sie ist inkontinent und verweigert Pants) ins Esszimmer der Pflegefälle, räumte den dort vollgeplunderten Tisch notdürftig ab und bat sie, sich zu setzen. Schwiegervater – aufgrund seines Verweigerns jeglicher Körperpflege im Salafistenlook und auf dem allerbesten Wege, zum König der Stinktiere gekrönt zu werden – setzte sich neben sie, woraufhin sie unwillkürlich ein großes Stück zur Seite rückte. Na ja, der Pflegefall gab sich auch wirklich atemberaubend und innerlich grinste ich: Sie bekam jetzt gleich den richtigen Eindruck aus allererster Hand!

Wir begannen mit der Anamnese: Schwiegervater war lt. altem Gutachten und eigener Aussage kerngesund! Er war auf wundersame Weise von heute auf morgen von Diabetes, Herzinsuffizienz, Hypertonie, Inkontinenz und Demenz genesen! Er war nie krank gewesen! Bloß konnte er weder sagen, welchen Monat noch welchen Tag wir schreiben – aber dement war er nicht. Keineswegs, überhaupt nicht! Darauf bestand er! Ja nee, is‘ klar … die Gutachterin war hin und hergerissen – und zwar zwischen Schwiegervaters Lügen und meinen Aussagen. Letztlich präsentierte ich ihr die Kiste mit seinen Medikamenten und erklärte ihr, was er wie oft einzunehmen hat, dass ich das zuteile und ihn zur Einnahme bewegen muss, weil Verweigerung an der Tagesordnung ist. Sie schenkte mir Glauben.

Es folgte die Aufnahme seiner Erkrankungen: Nein, erhätte keine Prothesen. Nein, er würde niemals stürzen. Nein, er hätte sich noch nie etwas gebrochen. Nein, er sei noch nie im Krankenhaus gewesen. Nein, ein RTW hätte für ihn noch nie gerufen werden müssen. Seine Hämatome vom letzten Sturz – zwei Tage zuvor und er legt sich im Mittel mindestens einmal wöchentlich saftig auf die Fresse weil er Gehhilfen verweigert, denn er glaubt, mit seinen fast 88 Jahren immer noch 20 zu sein – und die Ausführungen im letzten Gutachten (Gehirnerschütterung mit Krankenhausaufenthalt nach lebensgefährlichem, selbstverschuldetem Treppensturz) sprachen eine gänzlich andere Sprache. Die Gutachterin fragte ihn, was er noch alles alleine könnte: Alles! Ausnahmslos! Das Waschen (konnte man riechen, selbst mit verstopfter Nase, nachdem er seit Wochen nicht mehr geduscht hat), das Rasieren (wie gesagt, Salafistenlook), das Einkaufen, das Kochen des Essens usw. Beim Einkaufen schafft er den Weg zum Laden nicht mehr, bleibt entkräftet auf der Stecke und muss aufgesammelt werden. Hatten wir nämlich schon häufiger. Das hielt ich ihm vor. Widerstrebend gab er es zu.

Seine schwer demente Frau, die inzwischen dazu gekommen war, ständig kindisch-blöde kicherte und die stereotyp alle zwanzig Sekunden von der Gutachterin wissen wollte, wer die denn wäre und wozu der Besuch diene, intervenierte dann auch und bestätigte, dass deren Essen von mir kommt. Woraufhin Schwiegervater losblubberte: „Ich bin Rentner! Ich kriege das Essen umsonst! Das hat die SPD so eingerichtet! Der holt das bloß irgendwo ab. Der füllt sich sogar nochwas für sich selber ab und lebt auf meine Kosten!“ Die Gutachterin und ich schauten uns nur an: Kommentar überflüssig! Spätestens in dem Augenblick begriff sie, in welchem geistigen Zustand sich mein Schwiegervater befindet.

Danach aber wurde es dann heikel. Ich hatte nämlich eine Kopie des alten „Fake-News“-Gutachtens vorliegen und da nach Herzenslust mit Rotstift drinrum gemalt. Es gab sehr, sehr viel Rot und ich bestand darauf, dass das jetzt alles Stück für Stück durchgegangen wird. Und da schieden sich die Geister gewaltig. Bei der Anamnese hatte sie die Korrekturen vorgenommen. Bei der Wohnsituation (Zitat: „… lebt mit Ehefrau und erwachsener Tochter im Familienverbund …“) bestand ich auf Ergänzungen, damit kein falscher Eindruck erweckt wird – nämlich auf dem Hinweis, dass besagte Ehefrau schwer dement und PG3 ist sowie nur noch im Bett liegt (seit vier Jahren schon!) und im Haushalt keinen kleinen Finger rührt, dass besagte Tochter geistig schwerbehindert, aggressiv sowie PG4 ist und dass mein Schwiegervater immer noch per Gesetz deren Betreuer ist. Das schmeckte der Gutachterin überhaupt nicht und sie versteifte sich auf die Aussage, das alles hätte mit der Situation des Begutachteten gar nichts zu tun – was ich allerdings gänzlich anders sah! So gerieten wir zum ersten Mal aneinander.

Wir kamen zum Modul „4.1 Mobilität“ und ich geriet wieder mit der Gutachterin aneinander – sie, die ihn nur mit Rollator zur Tür hatte reinkommen sehen, schätzte ihn nämlich sehr viel mobiler als ich ein: angeblich würde die Einstufung „unselbständig“ alleinig für Rollstuhlfahrer angewendet werden können. Darauf ich: „Wenn der nur ‚überwiegend unselbständig‘ die Treppe runter fällt und anschließend im Rollstuhl sitzt, dann erst trifft die Einstufung zu?“ „Ja, müssen Sie eben so lange warten!“ Ich muss dazu noch anstandshalber erwähnen, dass die Gutachterin, die diesesmal da war, zu den Wenigen mit der Pro-Patienten-Einstellung zählte. Was sehr bedenkliche Rückschlüsse auf die bisherigen Contra-Patienten-Gutachter zulässt: Der MDK versucht m. E. immer nur, die Kosten soweit wie möglich zu drücken! Ihre Begründung, warum sie harmlosere Einstufungen vornahm lautete dahingehend, dass er das ja rein körperlich alles noch können müsste und es keine Rolle spielt, dass er das in seiner alles verweigernden, altersstarrsinnigen  Art nicht will – na ja …

Im Modul „4.2 Kognitive und kommunikative Fähigkeiten“ schieden sich anschließend auch wieder die Geister. Das „Erinnern an wesentliche Ereignisse“, das „Steuern von mehrschrittigen Alltagshandlungen“, das „Verstehen von Sachverhalten und Informationen“ und – vor allem! – das „Erkennen von Risiken und Gefahren“ bewertete die Gutachterin sehr viel besser als ich, der ich tagtäglich damit zu tun habe. Warum verdammt nochmal? Genau das fragte ich sie auch. Und erhielt zur Antwort, dass ich die geeignete Einstufung doch bitteschön dem MDK zu überlassen hätte. Mit anderen Worten eine versteckte Drohung: „Wenn Sie noch einmal dazwischenquatschen, dann …“

Das Modul „4.3 Verhaltensweisen und psychische Problemlagen“ wurde komplett ausgespart. Lt. Gutachterin träfe es nur auf Personen zu, die sich in psychiatrischer Behandlung befinden. „Wo steht das?“, wollte ich wissen. „Das sagt mir mein Computer“, lautete ihre Antwort. Ja, ja, der allwissende Computer, der niemals Fehler macht … So ging das dann weiter. Eineinhalb Stunden lang, bis sie sozusagen fluchtartig das Weite suchte. Irgendwie kam das Gespräch dann auch noch auf’s Pflegegeld, von dem ich ja sowieso keinen müden Cent sehe, weil mein Schwiegervater das alles alleine einkassiert. Die Gutachterin erklärte ihm, dass besagtes Geld für die pflegenden Personen zur Finanzierung der Pflege gedacht sei. „ISMEINS!!!“ lautete Schwiegervaters gebölkte Antwort. Ob er sich das nicht nochmal überlegen wolle? „ISMEINS!!!“ Schließlich fragte sie mich, warum ich den denn dann überhaupt pflegen würde. Darauf ich: „Soll ich den alten Starrkopf einfach verrrecken lassen? Kann ich natürlich auch machen, vereinfacht vieles …“ „Nein, lieber nicht!“, meinte sie betreten.

Lt. altem Gutachten hatte Schwiegervater 47,5 Punkte und stand damit gerade so eben in PG3. Bei dieser neuen Begutachtung wurden – ohne Berücksichtigung der strittigen Module 4.1, 4.2 und 4.3 – 67,5 Punkte erreicht. Sie bezeichnete das als riesengroßen Sprung nach oben und meinte, dass sie sich alles nochmal ansehen wolle. Denn ab 70 Punkten wäre er in PG4. Ihm riet sie dringend, die Einschaltung einer Haushaltshilfe zuzulassen. „KOMMTKEINFRÄMDAINSHAUS!!!“ blökte mein Schwiegervater nur. Ich steckte ihr beim Rausgehen, dass meine bessere Hälfte noch vor Weihnachten zur Fuß-OP ins Krankenhaus muss und erst in einem guten Vietrteljahr wieder voll einsatzfähig sein dürfte. Ich erläuterte, dass ich dann alleine vier Leute zu pflegen hätte und dass das nicht hinhauen kann. „Was soll ich machen?“, fragte ich und fügte hinzu: „Das gibt ein Chaos!“ Darauf sie: „Ja, wenn die das nicht anders haben wollen dann lassen Sie es auf das Chaos ankommen!“ Toll! Das wird ganz bestimmt noch echt lustig … Was ich mich inzwischen ernsthaft frage: Wer überprüft bzw. kontrolliert eigentlich den MDK? 😦