Für fast alles gibt es die Super-Duper-Kommerzware schlechthin, gar nicht mal so selten als „eierlegende Wollmilchsau“ angepriesen. I. d. R. ist derartige Software nicht schlecht, doch das hat seinen Preis. Wenn man so etwas nur selten mal benötigt, dann hat man sich schnell verkauft. Hinzu kommt noch die Sache mit den Lizenzen. Die gestatten zumeist die Installation einer solchen, für teures Geld erworbenen Software auf nur einem Rechner. Und wenn der die Ohren anlegt oder aufgrund eines Betriebssystemwechsels nicht bzw. nur noch stark eingeschränkt nutzbar ist? Dann kauft man eine neue Softwareversion – und löhnt wieder. So etwas kann schnell zum Fass ohne Boden werden. Der Vorteil dabei ist allerdings darin zu sehen, dass man es immer und immer wieder mit einer sehr ähnlichen, wenn nicht sogar gleichen Benutzeroberfläche zu tun hat und nicht umlernen muss.

Doch es gibt eine Alternative zu der kostspieligen Variante und die möchte ich mal als „Software-Lego“ bezeichnen. Mit einem Basisset aus Legosteinen kann man alles Mögliche bauen. Mit einem Basisset aus Freeware auch – und zwar kostenlos, sofern man bereit ist, sich auf unterschiedliche Benutzeroberflächen einzulassen. Wenn man sich dann noch auf portable Freeware bzw. OpenSource-Software beschränkt, dann läuft das Ganze nicht nur vom USB-Stick aus auf so ziemlich jedem beliebigen Rechner ohne die Windows-Registry zu verfummeln. Dann hat man zusätzlich auch noch die besten Chancen, so eine Zusammenstellung für Windows sogar per WinE unter Linux verwenden zu können. Was ist nun aber mit „Software-Lego“ gemeint? Ich will das mal an den Beispielen von Bildbearbeitungs- und MP3-Bearbeitungsprogrammen erläutern.

Professionelle Grafiker im Windows-Bereich kommen an Photoshop nicht vorbei und im Linux-Bereich schwört eine Minderheit auf dessen Gegenstück namens GIMP. Ich habe schon mit beiden Programmen gearbeitet und meine, dass Photoshop aktuell mehr kann, obgleich GIMP i. d. Vergangenheit enorm zugelegt hat und rasant immer noch weiter zulegt. Doch ich bin KEIN professioneller Grafiker. Ich bearbeite eigentlich nur Fotos, um aus denen das Optimum rauszukitzeln. Die zahllosen Möglichkeiten, die mir Photoshop und GIMP bieten nutze ich daher nur zu einem geringen Teil – nämlich zu dem Teil, den ich auch wirklich brauche – aus. Der Rest liegt brach. Im Falle von Photoshop hätte er aber mit bezahlt werden müssen. GIMP ist dagegen kostenlos.

Da diese Problematik nicht nur mich betrifft, wurde seitens des Photoshop-Herstellers auch darauf reagiert. Da gibt es eine Elements-Version für knapp 100€, mit welcher der nicht professionell arbeitende Privatanwender schon recht gut bedient ist. Der Profi hat die Wahl zwischen mehreren Varianten, welche in Form eines Abos zubuche schlagen – mit 60€ monatlich ist man binnen eines Jahres dann aber auch schon mit gut 700€ dabei. Für denjenigen, der das als Betriebsmittel beim Finanzamt geltend machen kann, ist das u. U. kein Problem. Für „Otto Normalanwender“ dagegen … – und der braucht diese „große“ Version ja wahrscheinlich auch gar nicht, weil er sie nicht in vollem Umfang nutzen wird. Was tut besagter „Otto Normalanwender“ jetzt aber, wenn ihm die Basisversion nicht mehr ausreicht? Er kann schweren Herzens tief in die Tasche greifen. Oder er setzt auf Software-Lego.

GIMP betrachte ich als mehr als nur vollwertigen Ersatz für Elements. Allerdings sind einige Funktionen bei GIMP nicht ideal gelöst; andere lassen sich nachrüsten. Nehmen wir also GIMP als Basis für die Bildbearbeitung. Das Drehen eines Bildes gehört da zu den eher schlecht gelösten Funktionen, weil immer ein transparenter Rand entsteht, der einen neuen Zuschnitt erforderlich macht. Das aber kann PhotoScape um Welten besser; auch sind das Schärfen oder das Montieren vieler Bilder zur Fotobuchseite sowie der Weißabgleich dort eindeutig besser gelöst. Bleiben wir beim Zuschnitt. Klar, den kann man mit GIMP natürlich machen. Einfacher und besser geht’s aber mit IrfanView, welches zusätzlich noch Diashow- und Batchverarbeitungs-Funktionen zur Verfügung stellt. Kommen wir zum leidigen Thema Belichtung. Bei Photoshop muss dazu die Profi-Version, sprich Lightroom, her. Man kann aber für die allermeisten Sachen in Richtung auf Belichtung, Ausleuchtung, Kontrast, Sättigung, Farbstiche etc. auch den JPG-Illuminator nehmen. Für JPG-Vergrößerungen (ja, in Grenzen geht das wirklich!) kommt der SAR Image Processor infrage und um unscharfe Bilder per Dekonvolution zu schärfen – manchmal funktioniert das auch – ist der Image Analyzer das Mittel der Wahl. Wer um das RAW-Format absolut nicht herum kommt, der packt eben noch Darktable – ist allerdings ein Installer – mit dazu.

Was haben wir jetzt für die Bildbearbeitung? Eine Arbeitsumgebung, bestehend aus i. d. R. sechs Freeware-Programmen zum Preis von null Euro, die nicht nur Rechner-unabhängig sind, sondern die (als 1:1-Kopie) zudem via WinE auch noch unter Linux laufen. Jährliche Einsparung in diesem Falle: Rund 700€. Jetzt kommt irgendwann ein Betriebssystemwechsel und das eine oder andere Programm funktioniert danach vielleicht nicht mehr. Die Abhilfe ist wie beim Lego: Wenn der rote Stein nicht da ist, dann nimmt man eben den Gelben. Sprich: Dann sucht man im Freeware-Bereich und tauscht eben genau dieses eine Programm gegen ein anderes, welches unter dem neuen Betriebssystem funktioniert, aus. Seit nunmehr vierzig Jahren fahre ich auf dieser Schiene – und wenn das nicht erfolgreich wäre, dann hätte ich es schon längst sein gelassen. Meine eigene Einsparung an Softwarekosten beziffere ich dabei locker auf einen fünfstelligen Betrag: Geld, dass sich anderweitig sinnvoller einsetzen lässt!

Oder nehmen wir als anderes Beispiel mal die MP3-Bearbeitung. Da haben wir CDex als Ripper und um Wave-Files nach MP3 zu konvertieren. Benötigt man andere Formate, dann nimmt man Freac. Der Pegel – um immer gleiche Lautstärke zu haben – lässt sich hervorragend mit Audacity einstellen. Will man die MP3s hinsichtlich Bitrate u. ä. normieren (was sich aus Kompatibilitätsgründen unbedingt empfiehlt), dann kommt der MP3 Quality Modifier zum Einsatz. Überlange MP3s wie bspw. ganze Konzerte lassen sich mit MP3 DirectCut in handliche Stücke zerteilen und Einzelstücke mit Merge MP3 zu einem größeren Track verketten. Als Player ist foobar2000 seit der (vorübergehenden?) Einstellung von WinAmp geradezu unschlagbar. Schließlich gestattet der TagScanner ein sehr komfortables Editieren von MP3-ID-Tags und was will man mehr? All das ist funktionell und kostenlos!

Schon seit Jahrzehnten hält sich das völlig hirnrissige und durch nichts zu begründende Gerücht, dass etwas, was kostenlos abgegeben wird – also Freeware – nichts taugen kann. Das ist totaler Blödsinn – allerdings Blödsinn, der von den großen Softewareherstellern, die ja ihre Produkte unter die Leute bringen wollen, gerne geschürt wird! Die freie Enzyklopädie Wikipedia bspw. belegt das genaue Gegenteil! Überhaupt sind die Grenzen zwischen Kommerzware und Freeware mitunter sehr fließend. Das allseits beliebte und kostenlose LibreOffice ist aus dem ursprünglich kommerziellen StarOffice hervor gegangen. Warum? Weil die Entwickler der Software mit dem zweifelhaften Geschäftsgebaren eines Softwaregiganten mit Sitz in Redmond nicht einverstanden waren. Der weiter oben erwähnte SAR Image Editor war mal Kommerzware und wurde später dann kostenlos abgegeben. Anderes Beispiel: Das Navi im Auto. Wäre doch echt peinlich, wenn das urplötzlich irgendwo im Nirgendwo ’nen blauen Bildschirm anzeigen würde. Deswegen steckt da auch nicht Windows, sondern das kostenlose Linux drin – wie im Flatscreen-TV, im Sat-Empfänger, im DVD-Player, im Android-Handy usw. Folglich: Kostenlos steht nicht für schlecht!

Was ich hier beschrieben habe, das ist selbstverständlich nicht nur auf die Bild- oder MP3-Bearbeitung beschränkt. Das kann man auch für den ganzen Bereich der PDF-Bearbeitung, für Office-Anwendungen, für Utilities, mit Audio- und Video-Software usw. machen. Wer also nicht unbedingt mit Profi-Vollversionen glänzen muss und sich überlegt, was er wirklich benötigt, der kann mit „Software-Lego“ verdammt viel Geld einsparen und ist dabei obendrein sogar noch viel unabhängiger. Das ist auch gerade für kleine Vereine von großem Vorteil. Wer allerdings professionell bzw. gewerblich arbeitet, der dürfte mit den kommerziellen Lösungen häufig – aber eben auch nicht immer – besser bedient sein.