Von 2007 bis 2016 war ich aufgrund meiner Erfahrungen als Ausbilder teils nebenberuflich als Quereinsteiger und Ersatzlehrkraft in einer Stadtschule, die heute zur IGS geworden ist, tätig. Eigentlich hat mir die Arbeit mit den Kids immer Spaß gemacht. Eigentlich war ich bei den Kids beliebt und sie hielten große Stücke auf mich. Eigentlich … – und „uneigentlich“ kündigte ich damals die Anstellung. Warum? Nun, der Hauptgrund ist sicherlich darin zu sehen, dass es mich irgendwann einfach nur noch ankotzte, das Niveau der Schüler im freien Fall zu sehen und dabei feststellen zu müssen, dass sämtliche Anstrengungen meinerseits mangels beinahe jeglicher Kooperationsbereitschaft seitens der Schüler und seitens der Schule vergebens waren. Es stellten sich mir die Fragen: Wen interessiert’s? Keinen! Was bringt’s? Gar nichts! Wer profitiert? Niemand! Ich habe jetzt wieder von so einem Fall gehört, bei dem eine Lehrkraft aufgegeben hat. Kann ich verstehen. Ich weiß nicht, was besagte Lehrkraft dazu bewogen hat, doch ich weiß, was für mich seinerzeit die Gründe gewesen sind. Darüber will ich hier einmal berichten. Dabei sind drei Bereiche zu unterscheiden, nämlich die Schüler (nebst Elternschaft), die Schule (nebst Schulsystem) und meine eigene Situation (nebst unbezahlter Arbeit).

Alle Kinder sind lt. Meinung der Eltern heute hochbegabt. Selbst „Schantalle tu‘ ma‘ die Omma winken!“ oder „Keffin tu‘ ma‘ den Oppa Prost sagen!“ sind durchweg kleine Albert Einsteins und kleine Stephen Hawkings. Das Wort „Nein“ kennen sie nicht, denn sie müssen sich ja selbst verwirklichen können. Die Selbstverwirklichung besteht primär darin, überall und zu jeder Zeit mit dem Handy rumzudaddeln, sich dabei den größten und sinnlosesten Mist reinzuziehen und das als Lebensaufgabe zu betrachten. Beim ersten Netzausfall tritt Panik auf! Lesen, Schreiben, Rechnen – wer braucht das schon? Ein Schüler sagte mir einmal: „Dreisatz? Brauche ich nicht zu lernen! Papa hat soviel Geld, dass der einen einstellen kann, der das drauf hat!“ Andere himmeln äußerst merkwürdige Vorbilder an. Vorbilder, die sie für stark halten. Das ist die Fraktion, welche die Klasse mit „Heil Hitler!“ betritt und überaus stolz darauf ist, „Doitscher“ zu sein.

Das sind diejenigen, die sich selbst nur dann mächtig fühlen können, wenn sie auf andere herunter blicken. Wieder andere argumentieren mit Fäusten – einfach so, aus heiterem Himmel und auch mitten im Unterricht. Oder sie finden es lustig, Schuleigentum zu zerstören. Hin und wieder ist dann aber doch mal jemand mit dabei, der oder die wirklich was auf dem Kasten hat. Diese Kinder, die man eigentlich nach Kräften fördern müsste, sind vollkommen chancenlos. Sie werden aus Leibeskräften gemobbt. Wenn die dann obendrein noch aus einem anderen Land oder aus der sozialen Unterschicht stammen sollten, dann ist es ganz vorbei mit denen. Die Bildung von Cliquen, welche ihre Mitschüler terrorisieren, ist Alltag. Der Terror in der Schule setzt sich im Anschluss beim Cybermobbing fort. Selbst manche der Opfer haben gar keine andere Möglichkeit mehr als ihrerseits straffällig zu werden.

Ich hatte einen jungen Russen aus miesen sozialen Verhältnissen. Der Typ konnte wirklich göttlich programmieren. Der hätte im Falle von realer Chancengleichheit eine großartige Zukunft haben können. Er wurde gemobbt. Man beklaute ihn, bedrohte ihn, schlug ihn zusammen. Irgendwann stahl er selber, weil er sich nicht mehr anders zu helfen wusste, denn er hatte bei einer Clique abzuliefern. Die Polizei holte ihn aus dem Unterricht. Ich hatte eine Schülerin aus miesen sozialen Verhältnissen. Sie verfügte über ein Maltalent wie es mir zeitlebens nicht mehr untergekommen ist. Als ich sie zuletzt sah war sie Kassiererin bei ALDI. Eine andere Schülerin, gleichfalls intelligent und talentiert, gab nicht auf und kämpfte. Zur Foto AG kam sie eines schönen Tages mit einer wirklich guten DSLR der oberen Mittelklasse. Auf das Teil hatte sie jahrelang gespart. Nach vier Wochen zerschlugen ihre Mitschüler die Kamera und sie rastete verständlichweise komplett aus. Anschließend wurde sie in eine Jugendpsychiatrie verfrachtet. Da gab es eine andere Schülerin, blöd wie hundert Meter Feldweg. Aber Mama brachte sie jeden Tag mit einem Oberklasse-BMW zur Schule, am besten noch bis ins Klassenzimmer. Mama trat immer vornehm-stylish auf; man muss ja zeigen was man hat. Dieser Schülerin lag das Kollegium zu Füßen – Herkunftspädagogik pur! Erst später stellte sich heraus, dass alles nur auf Pump gekauft und lediglich Schein statt Sein war.

Als Lehrkraft oblag es mir, die Dienstleistung „Wissen und Verständnis“ irgendwie an den Mann, sprich in die Kinder rein, zu bringen. Jedenfalls wurde das seitens der allermeisten Eltern so betrachtet; nicht selten handelte es sich dabei um Helikopter-Eltern, die jegliche Form von Disziplinierung als Einschränkung persönlicher Freiheiten strikt ablehnten. „Mein Kind soll jemanden geschlagen haben? Soll etwas mutwillig zerstört haben? Nein, da müssen Sie sich irren – mein Kind tut so etwas nicht! Seien Sie froh, wenn ich Ihnen keinen Verleumdungsprozess anhänge!“ Derartiges habe ich viel zu oft erlebt. Redete man bei gewissen Anlässen (Elternabend, Elternsprechtag o. ä.) Tacheles, dann verstand man eben die Kinder nicht oder wollte denen nur Böses. Nein, genau das Gegenteil war der Fall! Aber das konnten die Eltern von „Heiligen“ nicht einsehen. Um Wissen zu vermitteln braucht es ein Mindestmaß an Disziplin, Vorwissen und Kooperationsbereitschaft. Sofern das nicht gegeben ist sind sämtliche Anstrengungen umsonst. Es ist Sache des Elternhauses, hier die Voraussetzuingen zu schaffen – und keinesfalls die Sache der Schule. Aber in einer Gesellschaft, die sich schon seit Jahrzehnten auf einem Egotrip befindet darf man derartige Banalitäten offensichtlich nicht mehr voraus setzen.

Ich meine, meine Generation hat in der Schule auch verdammt viel Blödsinn gemacht. Manche Schul- oder Lehrerstreiche würde heute glatt unter das StGB fallen. Wir waren alles andere als Engel. Strafarbeiten, Nachsitzen – und ganz zu Anfang sogar noch die Prügelstrafe – gehörten dazu. Wir lernten auf die harte Tour, was Disziplin – mal mehr, mal weniger – bedeutet und nutzen diese Disziplin anschließend zum Lernen. Weil es nicht anders funktionierte. Strafarbeiten und Nachsitzen wären heute mitunter auch wieder ganz sinnvoll. Aber Nachsitzen ist Freiheitsberaubung und die schlechte Note für die nicht abgelieferte Strafarbeit ist „Disziplinierung über Zensuren“ und damit völlig verpönt. Anders ausgedrückt: Eigentlich hat das System den Lehrkräften alle Möglichkeiten genommen. Die dürfen nur noch einstecken! Viele flüchten dann in exzellente Herkunftspädagogik und sortieren von vornherein diejenigen aus, deren Nase ihnen nicht gefällt oder denen sie nichts zutrauen. Was wiederum die intelligenten oder begabten Kids noch mehr demotiviert – bei dem Rest ist es ohnehin egal – und ein Kreis schließt sich.

Die Schulleitung hatte längst schon resigniert. „Die Kinder sind nicht hier um etwas zu lernen sondern um beaufsichtigt zu werden!“ sagte einmal die Direktorin zu mir, als ich um die Förderung wirklich begabter Schüler bat: Kommentar überflüssig! Die Schule orientierte sich am System. Dem ging es keineswegs darum, Wissen zu vermitteln, sondern stattdessen Kompetenzen. Die Schüler sollten die Kompetenz erreichen, sich selbst Wissen vermitteln zu können. Sorry, aber … – wenn ich jemanden nach der Bruch- oder Prozentrechnung frage und mir die betreffende Person entgegnet „Kann ich nicht, aber ich habe die Kompetenz das zu erlernen!“ dann ist so ein Vollpfosten bei mir unten durch! In dem Punkt bin ich hoffnungslos altmodisch und werde es auch immer bleiben! Das Schulsystem ist auf Gleichmacherei und auf Mitläufertum ausgerichtet – nicht mehr und nicht weniger. Begabungen und Talente bleiben auf der Srecke, werden zurechtgestutzt und Dummheit wird gefördert.

Was weder Schüler noch Eltern sehen ist das Anbeten des Heiligen Sankt Bürocratius in den Schulen. Für jeden Furz muss ein Antrag ausgefüllt und eine Genehmigung eingeholt werden. Man braucht dem Computerraum? Bitte hinten anstellen, Antrag ausfüllen, Wartemarke ziehen und hoffen, dass man den Hausmeister mit dem Schlüssel findet. Man will mit den Kids eine Exkursion, und sei es nur im nächsten Umfeld, durchführen, weil eben nicht alles in den vier Wänden vermittelt werden kann? Ja, also, das muss erstmal genehmigt werden. Dann wäre da ja auch noch die Versicherungsfrage zu klären, falls einer der Spacken über seine eigenen Füße stolpert. Spontan geht schonmal gar nicht! Wenn man das dann endich irgendwann mal durchgedrückt hat und mit der Bande raus geht, dann setzen sich immer ein paar davon ab. Die muss man suchen – während der Rest der Horde unbeaufsichtigt bleibt. Ein Schäferhund, möglichst scharf, wäre an dieser Stelle nicht verkehrt. Den hat man aber nicht. Ergo hofft man, dass man die findet, bevor andere es tun. Einmal war ich dabei nicht schnell genug und die Idioten haben sich von der Schulleitung beim Kiffen erwischen lassen. Nichts gegen das Kiffen – aber bitte nicht während der Unterrichtszeit! Auf das Erwischen folgte prompt das „Du-Du-Du!!!“ in Form eines Blauen Briefes mit einem Tadel und die Kids haben sich darüber schier kaputtgelacht. Fazit: Die Unterstützung seitens der Schule tendierte gegen Null!

Schließlich gab es dann da noch meine eigene Situation. Der Unterricht wollte vor- und nachbereitet werden. Das kostete Zeit und Gehirnschweiß – unzählige Stunden und unzählige Wochenenden. Das wurde nicht bezahlt. Unterrichtsmaterialen mussten in hinreichender Menge zur Verfügung gestellt werden. Das wurde nur zum Teil bezahlt. Wenn ich eine Material-Sammelbestellung für alle Schüler in einer AG machen wollte dann standen dem irgendwelche blödigen haushaltsrechtlichen Vorschriften im Wege. Ergo mussten sich die Kids das Material dann selbst für einen viel höheren Preis besorgen, wobei diejenigen aus finanziell schlechter aufgestellten Familien zwangsläufig auf der Strecke blieben. Einigen von denen half ich aus eigener Tasche. Das wurde als „Bevorzugung“ ausgelegt und ich erhielt deswegen einen Rüffel von vorgesetzter Stelle. Zuletzt war es dann soweit, dass ich auch noch auf meinen Fahrkosten sitzen geblieben bin und letztlich draufzahlen musste. An dem Punkt angekommen zog ich die Reißleine und sagte mir: „Schluss! Nach mir die Sintflut!“ Ich kündigte. Die ganze Geschichte liegt jetzt schon ein paar Jahre zurück. Ich wünschte mir, dass sich einiges verbessert hat. Allein: Ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen! Und die daraus resultierenden Veränderungen in unserer Gesellschaft, na ja … – Kabeltrommel als Energiespeicher, Kobold in der Autobatterie, Klimaerwärmung durch Kobaltquadrat usw. Muss ich noch mehr sagen?